ABSTRACTS PLENARVORTRÄGE

 

Günther Pöltner

Was heißt Wollen?

Der Beitrag möchte zeigen, inwiefern das Wollen ein „Antwortphänomen“ ist. Wollen muss von ähnlichen Phänomenen wie z.B. dem Wünschen unterschieden werden. Das Intendieren und Bestimmen eines Zieles ist etwas Zweites, an erster Stelle steht der Aufruf einer Handlungssituation. „Antwort“ meint nicht eine nachträgliche Reaktion, sondern Entsprechung, in der Anspruch und Lassen ineinander fallen. Wer etwas ernsthaft will, lässt sich in Anspruch nehmen. Weil das oft nur unter Überwindung äußerer und innerer Widerstände gelingt, ist zum Lassen Einübung erforderlich. Seine Grenzen schränken das Wollen nicht nur ein, sondern ermöglichen es auch.


 

Emmanuel Bauer

Arbeit am Freiheitsspielraum statt Appellation an einen „Frei-Geist“

Freiheit ist ein Konstituens menschlicher Existenz, verstanden als die grundsätzliche Offenheit des Menschen, sein Sein zu entwerfen, und resultierend aus der Fähigkeit, zu sich, seinen Handlungen und seiner Welt in Distanz zu treten. Die Frage der Philosophie ist heute nicht, ob der Mensch frei ist, sondern in welchem Maß und in welcher Qualität er frei ist. Die neurobiologischen Erkenntnisse machen die vielfältige Bedingt- und Begrenztheit der Freiheit bewusst. Diese ist weder reine Willkür noch Indifferenz, aber auch keine bloße Handlungsautonomie, sondern ein dynamischer, gewachsener, geschichtlich-biographisch bedingter Spielraum personalen Wollens. Psychotherapie kann daher bei ihrer Arbeit nicht große Sprünge (im Sinne des voluntaristischen Freiheitsoptimismus Frankls) im Auge haben oder einen homunculusartigen „Frei-Geist“ im Menschen beschwören, sondern unter Berücksichtigung der vielfältigen Dimensionen nur kontinuierlich an der Erweiterung des Freiheitsspielraumes arbeiten.


 

Torsten Passie

Willensfreiheit: Illusion und Wirklichkeit
Neurophysiologische Grundlagen und existenzielle Implikationen einer aktuellen Debatte

Schon seit jeher hat der Mensch sich über die Freiheit seiner Entscheidungen, seines Willens Gedanken gemacht. Es handelt sich – nicht nur in der Philosophie – um eine uralte Diskussion, die zu den unterschiedlichsten Auffassungen Anlass gegeben hat.
Das Thema Willensfreiheit verweist gleichermaßen auf das biologische Bedingungsgefüge des Menschen wie auf die Besonderheiten seiner Existenz. In den letzten Jahren erlebte diese Debatte eine Renaissance, da Ergebnisse der modernen Neurophysiologie Anlass gaben, die Willensfreiheit in Frage zu stellen und unser Menschenbild zu verändern.
Der Vortrag bringt eine Übersicht zu den themenrelevanten neurophysiologischen Experimenten, ihren Grundlagen und Prinzipien, wie auch dem, was diese Experimente aussagen und was nicht. Hierzu werden auch Erkenntnisse und Ansichten der Psychoanalyse Freuds, die „unbewusste“ Einflüsse auf Willenshandlungen wie keine andere Theorie betont und belegt hat, in Beziehung gesetzt.
Den Schlussteil bildet eine Erörterung und Einordnung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, ihrer Beschränkungen und Folgerungen in Bezug auf psychotherapeutische Prozesse und Menschenbilder.


 

Hans Kammerlander

Am seidenen Faden
Eine Biographie zwischen Wollen und Lassen im Ringen um den Berg


In seinem Vortrag zeichnet Hans Kammerlander jenen Weg nach, den er in über vierzig Jahren gegangen ist. Extreme Aufnahmen aus Kletterrouten, fast unglaubliche Filmsequenzen von Steilabfahrten auf Ski, spektakuläre Bilder vom Eisfallklettern. Es sind eben diese Bilder und Szenen, die deutlich machen, mit welcher Leidenschaft er seiner "Sucht" nach immer neuen Abenteuern erlegen ist.
Im zweiten Teil des Vortrages nähert er sich dann den hohen Bergen der Welt. Menschen und Kultur in Nepal oder Tibet zeichnen nun ein ganz anderes Bild. Vom warmen Dolomitenfels geht es in die Höhen des Himalaya. Gigantische Riesen aus Eis bestimmen das Geschehen. Kammerlander zeigt den Versuch der Erstbesteigung am Nuptse East. 
Der Vortrag mündet schließlich in der Besteigung des 7350 Meter hohen Jasemba im Herzen des Himalaya. Drei Anläufe waren notwendig, um die schwierige Linie zum Himmel zu "knacken". Ein erster Versuch zusammen mit seiner Südtiroler Bergführerkollegen Karl Unterkircher und Alois Brugger scheiterte in wilden Wetter-Kapriolen. Beim zweiten Versuch verunglückte Alois Brugger tödlich. Und erst als Kammerlander und Karl Unterkircher noch einmal zurückkommen, schaffen sie es im Gedenken an den abgestürzten Freund bis auf den Gipfel. Der Erfolg bekommt schließlich einen tragischen Nachtrag: ein Jahr später kommt am Nanga Parbat auch Unterkircher ums Leben. 


 

Alfried Längle

Vom gelassenen Wollen zum erzwungenen Lassen
Zur Praxis der realen Freiheit

Der Wille als Ausdruck der Freiheit des Menschen wird in der EA als Grundlage (Ermöglichung) der Existenz angesehen, das Lassen ist sein ständiger Begleiter und Voraussetzung z.B. des Könnens. Wollen und Lassen – beide sind notwendig, um in der realen Welt zurechtzukommen. Beide braucht es, um sich selbst sein und mit sich selbst eins sein zu können. Probleme in dieser zentralen Dimension der Existenz, in der Willensfindung bzw. Umsetzung, haben daher Auswirkung auf die Lebensführung: auf die Außenwirksamkeit ebenso wie auf das Selbstsein.
Es soll hier um ein praktisch angemessenes Verständnis von Willen gehen, von dem, was er vermag und wo seine Grenzen sind, um den Umgang mit ihm zu erleichtern. Dabei spielt das Verhältnis des Wollens zum Lassen eine große Rolle. In der Praxis der realen Freiheit geht es um Fragen wie: Was tun, wenn der Wille der Vernunft nicht folgt? Was ist echter Wille und was ist Scheinwille – oftmals hinter der Maske der Vernunft? Was geschieht mit dem Willen in der Verführung und in der Sucht? Wo hat der Wille – die Freiheit – Platz bei Zwang und Notwendigkeit?


 

Christoph Kolbe

Warum tue ich nicht, was ich will?
Emotionale Orientierung zum Umgang mit psychodynamischen Blockierungen

Wir kennen es alle: Das, was wir eigentlich wollen, tun wir nicht, obwohl wir wissen und empfinden, dass wir es wollen und tun sollten. Wir erleben uns blockiert und sind am Ende unglücklich. Die Gründe hierfür sind nach existenzanalytischer Theorie auf zwei Ebenen zu suchen: In existentieller Hinsicht können personale Wertberührung oder Wertklarheit fehlen, so dass Diffusität entsteht. Schwieriger jedoch und in psychotherapeutischer Hinsicht alltäglicher ist das Problem, dass personale Werte aufgrund psychodynamischer Blockierungen nicht gelebt werden. Im Hintergrund steht hier eine Angst, die zunächst vordringlich beruhigt wird.
Im Vortrag werden typische Konfliktthemen benannt, die das personale Wollen behindern, sofern sie nicht gelöst sind und deshalb mit psychodynamischen Reaktionsmustern bewältigt werden. Für die therapeutische Arbeit soll hier ein Modell der Emotionalen Orientierung (EMO) vorgestellt werden, das sowohl dem Therapeuten, als auch dem Patienten/Klienten eine Möglichkeit der inneren Orientierung im Dschungel der Emotionen und Affekte an die Hand gibt, sich hinsichtlich divergenter Motivationen wahrzunehmen. Zudem zeigt es Möglichkeiten auf, Position im Sinne der personalen Motivation zu beziehen und mit Bedürftigkeit und/oder Verunsicherung umzugehen.  


 

Julius Kuhl

Der Wille, die Emotionen, und das Selbst: Wie funktioniert der freie Wille?

Emotionen haben neben ihrer klassischen Signal- und Verhaltenssteuerungsfunktion eine modulierende Wirkung auf die Interaktion zwischen psychischen Systemen. Darüber hinaus sind sie integraler Bestandteil eines weitgehend unbewussten, in Ausschnitten aber bewusstseinsfähigen Selbst. Vor dem Hintergrund experimentalpsychologischer und neurobiologischer Forschungsergebnisse wird eine integrative Persönlichkeitstheorie vorgestellt (PSI-Theorie), in der die Interaktion zwischen einem integrationsstarken Selbst und einem fokussierungsstarken Ich ein zentrale Rolle spielt. Das Selbst liegt einer weitgehend unbewussten Form des Willens zugrunde, die durch die Jahrtausende alte Reduzierung auf die (bewusstseinspflichtige) Form des disziplinierenden („diktatorischen“) Willens in Theologie, Philosophie und Psychologie fast völlig übersehen wurde. Wirkprinzipien der Logotherapie können vor dem Hintergrund der PSI-Theorie und der durch sie integrierten Forschungsbefunde erklärt werden.


 

Gertrud Nunner-Winkler

Ist der Wille männlich – das Lassen weiblich?

Im traditionellen Geschlechtsrollenverständnis wird diese Frage bejaht: Männer gelten als aktiv, rational-zielstrebig, rigide-prinzipienorientiert und dominant, zudem weisen sie faktisch höhere Gewalt- und Deliktraten auf, Frauen hingegen gelten als passiv, gefühlsbetont, flexibel-fürsorglich und submissiv.
Empirisch will ich die Frage am Beispiel der moralischen Motivation untersuchen. Dieses Thema eignet sich aus mehreren Gründen: Bei der Moral bilden Wollen und Lassen keine strikten Gegensätze (das Unterlassen von Vergehen setzt Willen voraus); in der Moral geht es um die Achtung vor den Grenzen des Anderen und auch den Grenzen des (Zu-)Lassens; die Struktur der modernen moralischen Motivation (Ich-nahes second order desire statt Überich-Diktat oder präreflexive Habitualisierung) spricht gegen überzogene deterministische Thesen, wie sie von etlichen Evolutionsbiologen oder Gehirnforschern vertreten werden.
Die These lautet: Geschlechtsunterschiede in der Bindung an Moral sind auf Unterschiede in den Inhalten präferierter Werte zurückzuführen, die durch das Zusammenspiel moralabträglicher bzw. -förderlicher Geschlechterstereotypen und der Identifikation mit der eigenen Geschlechtszugehörigkeit vermittelt sind. Sie folgen nicht aus Unterschieden im kognitiven Moralverständnis und indizieren keine (biologisch fundierten oder frühkindlich geprägten) Wesensdifferenzen zwischen den Geschlechtern in den Personenmerkmalen oder der Struktur des Willens. Datenbasis sind die Befunde von drei umfänglichen Studien  (eine Längsschnittstudie, in der die Moralentwicklung von 4 bis 22 Jahren verfolgt wurde, ein Kohortenvergleich, eine Untersuchung 15-16-jähriger Schüler).

Identität – so die Schlussüberlegung – wird gestiftet und stabilisiert durch freiwillige Selbstbindung an Werte. Das  müssen nicht moralische Werte sein, faktisch aber werden diese von vielen als identitätskonstitutiv verstanden.