ABSTRACTS PLENARVORTRÄGE

 

Lilo Tutsch
Alles viel zu intensiv – auch das Zuwenig

„Es ist ein Messer in dir mit scharfer Schneide, es ist innen in dir gegen dich gerichtet, es tut weh, es ist kein richtiges Messer, es tut nur so weh, dass du rennen möchtest hinauf ins höchste Stockwerk und schnell dich hinunterfallen lassen, damit dieses Sehnen aufhört, du weißt nicht wonach...“ (Brigitte Schwaiger 2006)Schmerz durch Mark und Bein gehend – alles viel zu intensiv – auch das Zuwenig – die Leere, die Sinnlosigkeit, die Fülle der Begabungen, die Verletzungen, das Vakuum der fehlenden Mitte, die Heftigkeit der Gefühle, die Gefühllosigkeit, die Todessehnsucht wie die Lebenssehnsucht. Und immerwährend drängt die Frage: Gelingt es, dieser Intensität eine Fassung zu geben? Die Schriftstellerin Brigitte Schwaiger musste angesichts der Übermacht der Intensität kapitulieren, andere wie z. B. die Pianistin Hélène Grimaud fanden den Aus-Weg. „Die Musik hat mich gerettet“ (Hélène Grimaud 2006). Die Musik heilte nicht ihre Probleme, aber indem sie half, mit diesen besser umzugehen, heilte ihre Person. Eine Collage zum Erleben von Borderlinern.


 

Karin Matuszak-Luss
Multidimensionale Diagnostik und ätiopathogenetische Aspekte der Borderline Persönlichkeitsstörung in Abgrenzung zu Traumafolgestörungen

Wurzeln von Borderline-Konzepten finden sich bereits in der Psychiatrie des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Seit der erstmaligen Aufnahme des Begriffs der Borderline Persönlichkeitsstörung 1987 in DSM III-R, geleitet von den Theorien von Kernberg und Gunderson/ Singer, kam es zum Überdenken und Überarbeiten der konzeptuellen, diagnostischen und therapeutischen Überlegungen zu den in diesem Begriff zusammengefassten Phänomenen und Leidenszuständen. 

Ausgehend von der aktuellen diagnostischen Herangehensweise an die Borderline Persönlichkeitsstörung nach DSM-5  werden ätiopathogenetische Aspekte mit besonderer Bezugnahme auf existenzanalytische Überlegungen zu diesem Störungsbild dargestellt. 

Borderline Persönlichkeitsstörungen zeigen hohe Komorbiditäten mit anderen psychischen Störungen, u.a. auch mit posttraumatischen Belastungsstörungen. In der Fachwelt gibt es unterschiedliche Standpunkte, ob z.B. die dissoziativen Identitätsstörungen als spezielle Art der Borderline Persönlichkeitsstörung zu sehen sind oder ob es sich um völlig unterschiedliche diagnostische Phänomene handelt. In Bezugnahme auf diesen Hintergrund wird versucht, eine Abgrenzung der Borderline Persönlichkeitsstörung zu den Traumafolgestörungen darzustellen.  


 

Christoph Kolbe
Das verletzte Selbst
Persönlichkeitsstörungen aus existenzanalytischer Sicht

Im Vortrag werden zunächst die Grundprinzipien der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung dargestellt. In Gegenüberstellung hierzu werden dann die wesentlichen Merkmale der Persönlichkeitsstörungen beschrieben. Am Beispiel der histrionischen und narzisstischen sowie der Borderline-Persönlichkeitsstörung wird ausgeführt, worin die spezifische Verletzung für diese Menschen besteht, wie es zu dieser Verletzung kommt, wie diese Menschen mit dieser Verletzung typischerweise umgehen und wie sich dies auf die Beziehung zu anderen Menschen auswirkt. 


 

Markus Angermayr
Beziehungsweise(n) – Grenzerfahrungen in der Gestaltung therapeutischer Beziehung

Anhand einer Fallvignette wird die Dynamik von Menschen, die an Persönlichkeitsstörungen leiden, in der psychotherapeutischen Beziehungsgestaltung sichtbar. Dabei sind die Therapeuten in besonderer Weise gefordert, werden sie doch selbst aus der eigenen Mitte geschleudert und unmittelbar in ein Beziehungsgeschehen verwickelt, dessen Dynamik sie an die eigenen Grenzen führen kann.
Im Vortrag wird dabei v.a. den Fragen nachgegangen: Was heißt es, in solchen Situationen da zu sein, beziehungsvoll und trotzdem klar abgegrenzt und authentisch zu bleiben, so dass die Dynamik wieder in ein personales Geschehen verwandelt werden kann? Woran orientieren sich existenzanalytische TherapeutInnen und wie können sie mit eigenen Grenzerfahrungen umgehen? Wie kann es gelingen, mit dem Patienten im Grenzbereich zu verweilen, ohne in den Strudel des Geschehens gezogen zu werden? Welchen Wert hat das gemeinsame Durchgehen solcher Erfahrungen?


 

 

 

Doris Fischer-Danzinger
Die (sichere) Fahrt auf der Hochschaubahn

Die Therapie mit Borderline-PatientInnen stellt die Therapeutin vor spezifische Aufgaben: Der rasche Wechsel zwischen Gefühlen der Unabhängigkeit und großer Angst vor Autonomie, starker Verletzlichkeit und Einladung zum Kampf, die Welt als wunderbar und bald darauf als unaushaltbar zu erleben, immer wieder auftretende Phasen von großer innerer Leere sowie Suizidgedanken sind sowohl für die Patientin als auch für den Therapeuten zeitweise wie eine Fahrt auf der Hochschaubahn. Damit diese Fahrt einerseits sicher genug für Patient und Therapeutin abläuft, andererseits aber genügend Spielraum für Veränderungen bietet, braucht es spezifische Anpassungen im Setting und auch bestimmte Haltungen des Therapeuten. Im Vortrag werden diese Besonderheiten in der Therapie mit Borderline-Persönlichkeiten beschrieben und anhand von Fallvignetten praxisnah dargestellt.


 

Mathias Lohmer
Beziehungsgestaltung mit Borderline-Patienten in der TFP (Transference Focused Psychotherapy)

Die Grundstörung der Borderline-Patienten zeigt sich als eine Beziehungsstörung, in der in Stress- und Krisenzeiten heftige Affekte und Agieren, Spaltung, Projektion und projektive Identifizierung dominieren.
Diese Abwehrmechanismen haben aber zugleich eine kommunikative Funktion – sie erlauben dem Therapeuten mit seiner Gegenübertragung an der inneren Welt des Patienten teilzuhaben, diese zu verstehen und entsprechend zu intervenieren.
Der Vortrag zeigt, wie mit einer Haltung des Containments, der übertragungsfokussierten Deutungstechnik und der Nutzung der Gegenübertragung immer wieder eine Auflösung der Verwicklungen mit der Patientendynamik gelingt und der Patient damit auch ein stabileres Bindungsmuster entwickeln kann.


 

Anna Buchheim
Traumatische Bindungserfahrungen von Patientinnen mit Borderlinestörung

Das Wissen über Psychopathologie, Ätiopathogenese und Behandlungsmöglichkeiten der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Heute sehen die meisten Wissenschaftler eine Störung der Affektregulation im Zentrum der BPS, deren Ursachen in Wechselwirkungen zwischen neurobioloigischen Faktoren, traumatischen Bindungserfahrungen und dysfunktionalen Verhaltensmustern liegen. Es liegen bereits einige Studien zu Bindungsmustern bei Borderline-Patienten vor und damit ist dieses Störungsbild das bisher am besten untersuchte in der klinischen Bindungsforschung. Als gemeinsames Ergebnis ist festzuhalten, dass Borderline-Patienten konsistent als „unsicher-verstrickt“ (hasserfüllt, konfliktreich, stark oszillierende Denkvorgänge) kombiniert mit einem „unverarbeiteten Trauma“ aufgrund von Missbrauchs- und Misshandlungserfahrungen klassifiziert werden. Evidenzbasierte psychodynamische, interpersonelle, kognitive und dialektisch-behaviorale Behandlungsansätze scheinen nach den derzeit vorliegenden Befunden für Borderline-Patienten die Therapien der Wahl zu sein. In diesen Verfahren, die in unterschiedlicher Weise konkret beschrieben oder manualisiert sind, lassen sich einige gemeinsame konzeptuelle Prinzipien finden. Diese Therapien gründen auf einem soliden theoretischen Fundament und definierten Therapieprinzipien und leiten daraus Interventionen ab, die zielgerichtet auf die angenommenen Grundprobleme der Störung fokussieren.


 

Rupert Dinhobl
„Ich blute – daher bin ich.“
Zu Selbstverletzung und Suizidalität bei PatientInnen mit Borderline Persönlichkeitsstörung

Blut – in der Antike Sitz des Lebens – spielt bei der Borderlinestörung eine wichtige Rolle. In diesem Vortrag wird der Frage nachgegangen, was einen Menschen bewegt, sich zu schneiden. Es geht zuerst um die Unterscheidung von Selbstverletzung und Suizidhandlung. Während bei der Selbstverletzung Blut fließen soll, um zu leben, liegt die Intention bei einer suizidalen Handlung im Gegenteil – im Sterben. „Ich blute – daher bin ich“: dieser abgewandelte cartesianische Grundsatz – es gibt auch ein Buch zu diesem Thema – wird von vielen Borderline-PatientInnen als zutreffend empfunden. Wie mit diesem Phänomen therapeutisch umgegangen werden kann, ist Gegenstand des zweiten Teils der Ausführungen. Erfahrungen aus der Borderlinetherapie ergänzen den Vortrag.


 

Alfried Längle
Ohne Fühlen…? - Bin ich nicht!
Vom verzweifelten Greifen des Menschen nach Leben

Ein phänomenologischer Zugang zum spezifischen Leiden der Borderline-Patienten zeigt in der Tiefe dieser impulsiven, intensiven aber instabilen Persönlichkeit einen tödlichen Schmerz des inneren Selbstverlusts. Das Phänomen des Borderline erweist sich als grundlegendes Gespaltensein, verbunden mit einem gespaltenen Welterleben. Aus dieser Spannung wird das Aufbäumen der psychodynamischen Gegenwehr verständlich. Dieses ist überlebenswichtig. Es kann daher in der Therapie ob der Bedrohlichkeit und Schmerzhaftigkeit der fehlenden und verletzten Strukturen des Ichs diese Dynamik nur langsam abgebaut und durch ein zunehmend personales Verhalten ersetzt werden.Es soll das Bild des Borderline-Leidens als Phänomen vor dem Hintergrund seiner Entstehung aufgezeigt und die typische Schutz-Dynamik daraus abgeleitet werden. Es wird deutlich, wie diese das Beziehungsgeschehen durchwirkt. Grundzüge der existenzanalytischen Therapie runden den Vortrag ab.


 

Eckhard Roediger
Schematherapie bei Borderline-Patienten – macht das „Sinn“?

Für viele Therapeuten gilt die Behandlung von PatientInnen mit BPS als besondere Herausforderung. Die Schematherapie hat sich inzwischen in mehreren Studien als erfolgreiche Behandlungsmethode für die BPS gezeigt. Die spezifische Beziehungsgestaltung im Sinne einer „begrenzten elterlichen Fürsorge“ befriedigt die emotionalen Grundbedürfnisse der PatientInnen und die Techniken zur emotionalen Aktivierung erlauben eine schonende Klärung und Auflösung alter Schemata und Bewältigungsreaktionen. Das Modus-Modell erfüllt den Wunsch nach einem validierenden Verstehen des Verhaltens und gibt ein „inneres Arbeitsmodell“, aber in wieweit hilft die Schematherapie den Patientinnen auch bei den tiefer gehenden Fragen in ihrem Streben nach existentieller Erfüllung? In diesem Vortrag wird in die wesentlichen Elemente der Schematherapie in Bezug auf die Arbeit mit Borderline-PatientInnen eingeführt und gezeigt, in wieweit die Schematherapie „nach oben offen ist“.