Alfried Längle
Das Sein ist im Werden
Entwicklung im existentiellen Paradigma

Das Sein des Menschen ist nicht statisch, sondern auf ein Werden hin angelegt. Es ist für die ganze Lebensdauer in ständiger Veränderung, was in der Kindheit und Jugend besonders augenfällig ist. Jedoch ist die Entwicklung von Potentialen dem Menschen immer möglich, bis zum Tode. Daneben geht es aber auch um die Entwicklung der grundlegenden existentiellen Fähigkeiten, um soweit reif zu werden, dass ein selbständiges, eigenverantwortliches und erfüllendes Leben möglich wird und man nicht psychisch erkrankt. Den Ort für diese Entwicklung sehen wir in den Voraussetzungen für die personale Tätigkeit in jeder Grundmotivation. Anhand von Beobachtungen und phänomenaler Beschreibung sowie einiger wichtiger Forschungsergebnisse werden Zusammenhänge für die Entwicklung der Daseins-Strukturen aufgezeigt. Sie sollen deutlich machen, wie sich das Sein des Menschen im Werden aufhalten kann.

 

Romuald Brunner
Hirnreifung und Pubertät
Entwicklungsneurobiologische Grundlagen und Konsequenzen für die sozial-emotionale Entwicklung in der Adoleszenz 

Annähernd die Hälfte aller psychiatrischen Erkrankungen im Erwachsenenalter hat ihren Beginn in der Pubertät bzw. um den Pubertätszeitrum herum. Diese Tatsache weist die Pubertätsphase als eine besonders vulnerable Entwicklungsphase für die Genese psychischer Störungen aus. Um ein besseres Verständnis für die zugrundeliegende Vulnerabilität zu erlangen, erscheint es von zentraler Wichtigkeit, neben den sozialen auch die biologischen Veränderungsprozesse zu verstehen, um mögliche Risikofaktoren zu identifizieren und damit auch Interventionsmöglichkeiten zu entwickeln. Um die Pathogenese umschriebener psychiatrischer Störungen weiter aufzuklären, erscheint es insbesondere wertvoll, die Umbauprozesse des Gehirns im Pubertätszeitraum und ihre Konsequenzen für die soziale, kognitive und emotionale Entwicklung zu untersuchen. Neue Forschungsergebnisse zur Entwicklung der neuronalen Netzwerkstrukturen und der Einfluss der Geschlechtshormone werden berichtet und ihre Bedeutung für spezifische Krankheitsbilder (u. a. Borderline-Persönlichkeitsstörung) exemplarisch dargestellt.

 

Torsten Passie
Hemmung des Werdens
Viktor von Gebsattels Zugänge zu Neurosen und Entwicklungskrisen

Viktor Emil Freiherr von Gebsattel (1883–1976) gehört zu den Geburtsvätern der phänomenologisch-anthropologischen Psychiatrie und Psychotherapie. Von Gebsattel sieht – sich auf Aspekte des christlichen Menschenbildes wie auch die Existenzphilosophen Max Scheler und Martin Heidegger beziehend – den Menschen in seinem Wesen durch das Aktzentrum der Person konstituiert. Die Person vermag es, sich in weitgehender Autonomie gegenüber den innerlich und äußerlich andrängenden Trieben, Zwängen, Freiheiten und Bedürfnissen in Akten bewusster Entscheidung zu konstituieren. Darin kann sie zu sich selbst kommen, aber sich auch verfehlen. Gerät das Werden des einzelnen Menschen ins Stocken oder wird es durch neurotische Konflikte oder Dissonanzen der Wertewelt gehemmt, so kommt es zu einer Krise des Werdens, in stärkeren Fäl-len zur Krise der Person.

Der Referent hat mit dem Buch „Phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie und Psychologie“ eine umfassende Studie zu Ludwig Binswanger, von Gebsattel, Erwin Straus und Eugen Minkowski vorgelegt. Der Vortrag stellt von Gebsattel und sein Verständnis dieser Prozesse als mögliche Erweiterung eines psychotherapeutisch inspirierten Menschenbildes vor.

 

Eva Maria Waibel
Inneres Wachstum durch personale Begegnung
Impulse Existenzieller Pädagogik

Entwicklungspsychologisch wird das Wachstum des Menschen üblicherweise als ein biologisch, sozial und psychisch geprägter Reifungsprozess beschrieben, der dem Menschen durch Begleitung das Hineinwachsen in die Gesellschaft ermöglicht. Auch viele reformpädagogische Ansätze orientieren sich an diesen Prämissen.

Wenig Thema ist jedoch, wie die Person selbst ihr inneres Wachsen initiiert und beeinflusst und wie sie an ihrer Auseinandersetzung mit der Welt wächst. Um dem jungen Menschen gerade dies zu ermöglichen, bedarf es aus Sicht einer

Existenziellen Pädagogik der Begegnung mit dem Anderen. Diese Begegnung eröffnet einen Raum für Selbstentfaltung, Selbstbestimmung und entschiedenes Tun. Dadurch kann der junge Mensch lernen, mit herausfordernden Situationen umzugehen und seinen authentischen Lebensweg zu finden.

Wie aber kann dies pädagogisch begleitet werden? In welcher Art und Weise sollen sich Erziehende und Lehrpersonen einbringen, um dieses Gegenüber zu sein? Welche Haltungen müssen sie mitbringen, um dieses innere Wachstum zu ermöglichen? Der Vortrag wird diesen Fragen nachgehen.

 

Jürgen Kriz
Entwicklung und Wachstum im Verständnis
Humanistischer Psychotherapie

Entwicklung und Wachstum sind Kernkonzepte in der Humanistischen Psychotherapie (HPT), zu der – im groben Raster der vier Grundorientierungen (psychodynamisch, behavioral, humanistisch und systemisch) – auch die Logotherapie und Existenzanalyse zählt. Trotz anders lautender Behauptungen sind die Richtungen der HPT mit ihren gemeinsamen Wurzeln und Kernkonzepten homogener als die der anderen drei Grundorientierungen. Gleichwohl bestehen zwischen den Hauptansätzen auch deutliche Unterschiede in den Sichtweisen und den genaueren Bedeutungen dieser Konzepte.

Logotherapie und Existenzanalyse, Personzentrierte Psychotherapie, Gestalttherapie, Körperpsychotherapie, Psychodrama, Transaktionsanalyse – die in der deutschen „Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie“ vertreten sind – verstehen unter „Entwicklung“ und „Wachstum“ nicht dasselbe, wertschätzen aber die Vielfalt der Perspektiven und unterschiedlichen Zentrierungen, welche die Komplexität des Lebens und der Kulturen widerspiegelt.

Der Vortrag widmet sich gemeinsamen und unterschiedlichen Aspekten, wie Wachstum zu verstehen ist und wie dieses gefördert werden kann.

 

Helmut Dorra
Kontinuität und Wandel
Lebensgeschichtliche Perspektiven im Alter

Menschliches Dasein ist ein Werden in der Zeit. Immer wieder sind wir zu Veränderungen, zu Wachstum und Entwicklung herausgefordert bis zuletzt, solange wir leben. Im geschichtlichen Horizont unserer Lebenswelt werden wir an

den Übergängen und Zäsuren sich wandelnder Altersphasen mit spezifischen Daseinsthemen konfrontiert, die in temporaler Sicht ein Ende signalisieren und zugleich auf einen neuen Anfang verweisen. Wir müssen Abschied nehmen vom Bewährten und Gewohnten, von bisher gelebten, mithin auch nicht gelebten Möglichkeiten und bleiben gegenwärtig auf Zukunft hin ausgerichtet mit allem, was wir zu verwirklichen, zu bewahren und zu gewinnen suchen.

Mit dieser lebensgeschichtlichen Perspektive kann eine biographische Rück-schau und bilanzierende Reflexion zur Vergewisserung der eigenen Identität und Kontinuität wie auch zur Versöhnung mit dem je individuellen Schicksal, den Versäumnissen und Versagungen der Vergangenheit beitragen. So stellt das höhere Lebensalter die Person vor die Aufgabe, das eigene und einzige Leben, wie es gelebt wurde, zu bilanzieren und anzunehmen.

Schließlich wird man der Tatsache zustimmen müssen, für sein eigenes Leben verantwortlich zu sein. Und jedem Einzelnen aufgegeben ist, sein Lebensalter und sein Älterwerden unter den jeweiligen Bedingtheiten unserer geschichtlichen Existenz im Alltag der Welt und im Miteinander der Menschen initiativ und aktiv zu gestalten.

 

Renate Bukovski, Lilo Tutsch
Was uns nicht umbringt …?
Zum Janusgesicht des Traumas

Nur sechs bis 18 Prozent der Überlebenden von Verletzungen, Unfällen oder Kriegen entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), sagt der Psychologe George Bonanno von der Columbia University. PTBS verdient große Aufmerksamkeit. Aber die überwiegende Mehrheit derer, die lebensgefährlichen Ereignissen ausgesetzt waren, entwickeln diese Störung nicht. Das findet bisher nicht genügend Beachtung. Traumatische Erfahrungen bergen zum einen zerstö-rerische Kräfte, zum anderen die Macht zu Transformation und Wachstum. Im Vortrag gehen wir der Frage nach dem Phänomen des „traumatic growth“ nach

 

Alfried Längle im Gespräch mit Irvin Yalom
Existenzielle Psychotherapie – Wie geht das?

„Zunächst soll Irvin Yalom zu seiner persönlichen Begegnung mit Viktor Frankl sowie seiner Beziehung zur Logotherapie befragt werden. Im weiteren Gespräch wird es dann um die von Yalom vertretene existenzielle Psychotherapie, insbesondere um sein Modell der vier Dimensionen menschlicher Existenz in ihrer Bedeutung für die psychotherapeutische Arbeit gehen. Die Antworten von Irvin Yalom werden dabei gleichzeitig einen interessanten Einblick in prägende Begebenheiten seines Lebens, seine reiche Lebenserfahrung und das, was ihm wesentlich gewesen und geworden ist, geben.

 

Herbert Pietschmann
SEIN und WERDEN

Seit den Vorsokratikern Heraklit und Parmenides wird um ein Verständnis die-ses fundamentalen Widerspruchs (dieser Aporie) zwischen SEIN und WERDEN gerungen. Platon spricht sogar vom „notwendigen Vatermord“ an Parmenides, um zu einer Synthese zu gelangen. Dies ist heute noch wichtig, weil sich diese Aporie im Alltag als Widerspruch von „Bewahren und Erneuern“ findet und jeweils nach einer Antwort verlangt. Ein möglicher Weg wird aufzeigbar, wenn wir uns klar machen, dass die beiden Ziele „Sein und Werden“ (oder Bewahren und Erneuern) jeweils eine Fehlgestalt (oder einen Schatten) haben: Erstarrung und Identitätsverlust. Erst wenn wir uns dessen in geeigneter Weise bewusst werden, ist der Weg zu einer Synthese frei.

 

Ingo Zirks
Reifungsprozesse im Angesicht der Endlichkeit
Die Auseinandersetzung mit dem je eigenen Tod und ihre Auswirkungen auf das Leben

Im Spätmittelalter entwickelte sich angesichts vieler Seuchen eine spezielle Literaturgattung, die „Ars moriendi“. Sie sollte auf den allgegenwärtig drohenden Tod vorbereiten und helfen, einen guten Tod sterben zu können. Es entstand eine Art „Lebenskunst“ (Ars vivendi). Angesichts der Endlichkeit werden durch die Annahme der Bedingungen und die Lebensaffirmation Reifungsprozesse ermöglicht, so dass mit innerer Zustimmung existentielles Leben bis zum Ende möglich wird. Das Ringen in dieser personalen Auseinandersetzung soll mit Beispielen aus der psychoonkologischen Praxis bezeugt und inhaltlich nachvollziehbar werden.

 

Karl Heinz Brisch
Bindungstraumatisierungen
Ursachen, Therapie und Prävention

Die Entwicklung einer sicheren emotionalen Bindung eines Kindes an seine Eltern wird heute als ein bedeutender Schutzfaktor in der kindlichen Entwicklung betrachtet. Die Bindungsentwicklung ist allerdings durch vielfältige Einflüsse störbar. Traumatische Erfahrungen der Bindungspersonen können durch kindliches Verhalten wieder aktiviert werden und dazu führen, dass die Eltern ihrerseits die eigenen unverarbeiteten Erfahrungen, etwa von Gewalt und Missbrauch, mit ihren Kindern wiederholen. Auf diese Weise können unverarbeitete Traumata über Generationen weitergegeben werden.

Nach den Grundlagen der Bindungstheorie werden die Möglichkeiten einer bindungsorientierten Therapie und Beratung dargestellt. Abschließend wer-den die bindungsorientierten Präventionsprogramme SAFE®-Sichere Aus-bildung für Eltern (www.safe-programm.de) sowie B.A.S.E.®-Babywatching (www.base-babywatching.de) vorgestellt.

 

Christoph Kolbe
Von der Kunst, erwachsen zu werden
Entwicklung durch Selbsterkenntnis

Worin besteht die Kunst, erwachsen zu werden? Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen und sich den schicksalhaften Lebensthemen zu stellen. Damit dem Menschen dieser Vollzug personaler Aktivität gelingen kann, bedarf es einer personal-strukturellen Stabilität, um aus dieser Verankerung den Aufgaben der Welt zu begegnen. Dann erlebt er das Glück des Selbstseins und der erfüllenden Begegnung.

Im Horizont dieses Zusammenhangs von struktureller Stabilität und personaler Aktivität beschreibt der Vortrag kindliche Haltungen des Menschen und ihr erwachsenes Pendant. Und er reflektiert existenzanalytische Beobachtungen zu einer Konfliktdynamik. Es wird dargelegt, wie innere Ängste oder Konflikte die Bewältigung der jeweiligen Lebensaufgabe blockieren. Sie gilt es, in ihrer Bedeutung zu erarbeiten, um schließlich Haltungen zu finden, die personale Aktivitäten im Umgang mit Situationen möglich werden lassen.