ABSTRACTS PLENARVORTRÄGE

V1 Markus Angermayr „There is a crack in everything“ Selbst-Improvisationen mit Angst

Sonntag, 30.04.2023, 09.20-10.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Menschen sind Möglichkeitswesen. Die Angst wird aus der Möglichkeit geboren. Sie ist es, die uns zeigt, was wir eigentlich leben wollen und so den Weg ins Herz der Existenz weist. Sie ist es aber auch, die, wenn sie zu groß wird, zu unheimlich, uns in die Peripherie, ins Uneigentliche, hinausschleudern kann. Dann hemmt die Angst das Leben, das sie sonst schützen will und nährt die verschiedenen Formen psychopathologischer Störungen. Damit haben wir es dann in den psychologisch/psychotherapeutischen Praxen zu tun.
Kein wesentliches Leben ohne Angst. Es gibt kein Entkommen. Und doch gibt es Erfahrungen von Seinsgrund, von Halt mitten im Abgrund. Auf diesem „abgründigen Boden“ entspringen existenziell gesehen die Improvisationen des Selbst und der Gesellschaft. Nicht aus einer Resignation auf Unvermeidliches, sondern aus der Seinsfühlung, dem Bejahen des Naturseins, des KörperLeiblichen Seins. Sie öffnen den Raum für das Wagnis „man selbst zu sein“, auch wenn es die Form von Improvisationen oder unvollendete Versuche annimmt. Diese Improvisationen des Selbst sind eine existenziell-poetische Lebens-Kunstform, die den Umgang mit der Brüchigkeit des Daseins ermöglichen.

V2 Emmanuel J. Bauer Ohne Angst kein waches Menschsein Angst als Existenzial

Sonntag, 30.04.2023, 10.05-10.45 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Der Begriff Angst wird oft negativ verstanden als pathologischer oder existentiell einengender Zustand. Aus philosophischer Sicht wird Angst als Grundzug des „erwachten Menschen“ und als „via regia“ zur Existenz gesehen. Sie animiert den Menschen, sein Person-Sein, d. h. seine Freiheit und Verantwortung ernst zu nehmen, seine je-eigene, unvertretbare Sendung in dieser Welt zu verwirklichen. Angst offenbart uns, was uns wirklich wichtig ist, aber auch das, was sich als das vom Gewissen Gebotene zuspricht. Sie erhellt also das uns Schützenswerte und das moralisch Gesollte. Der existentielle Sinn der Angst erschließt sich vielleicht leichter, wenn wir nicht von Angst, sondern von Sorge (Sokrates, Heidegger, Foucault) sprechen und der Angst das notwendige existentielle Gegengewicht des Vertrauens entgegenbringen. Vertrauensvolle, leiblich fundierte Selbstsorge ist ein fundamentaler Weg für den Menschen, nicht in den anonymen Strukturen eines vereinnahmenden komplexen Gesellschaftssystems als bloße/r Funktionär:in unterzugehen.

V3 Jürgen Grimm Corona – Krieg – Weltuntergang Evolutionäre Quellen der Resilienz

Sonntag, 30.04.2023, 11.20-12.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die Summierung globaler Krisen (Pandemie, Klimakatastrophe, Krieg, Zusammenbruch der globalen Wirtschaft) versetzt die Gesellschaft unter Stress und führt vielfach zu Überforderungsreaktionen. Auf welche Ressourcen können sich der Einzelne und das Kollektiv stützen, um den Krisen zu widerstehen? Auf der Grundlage von drei Studien zum Verhalten in der Corona-Krise und während des Russland-Ukraine-Kriegs (N=1600) werden Coping-Strategien junger Erwachsener untersucht und auf ihre Resilienzsteigerung hin evaluiert. Dabei zeigt sich, dass evolutionäre Ressourcen das Krisenmanagement in der Gegenwart beeinflussen. So hängt es u. a. von der Höhlenkompetenz ab, wie jemand mit Lockdown und Atomkriegsangst umgeht. Ähnlich wie vor 40.000 Jahren der Homo sapiens angesichts einer globalen Klimakatastrophe im Rückzugsraum der Höhle lernen musste, seine Kreativität und soziale Flexibilität zu steigern, so wächst die Krisenresilienz von Gegenwartsmenschen, wenn sie Tugenden aus der Höhlenzeit reaktivieren. Auf der anderen Seite sorgt eine anthropologische Nebenströmung der Höhlenpathologie dafür, dass eine Minderheit in eine Apokalypse-Falle gerät und, statt Krisenpragmatismus und gemeinsames Handeln zu betreiben, auf irrationale Felder der Wagenburgmentalität und der Endzeitmystik ausweicht.

V4 Ahmad Mansour Integration ist mehr als Sprache plus Arbeit minus Kriminalität

Sonntag, 30.04.2023, 12.05-12.45 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Im Vortrag wird die Bedeutung von Angst im Ankommens- und Integrationsprozess von Migrant:innen beleuchtet. Angst ist auf mehreren Ebenen ein wichtiger Bestandteil, weil die Angst vor dem Identitätsverlust bei Migrant:innen eine Verschlossenheit gegenüber den Grundwerten der Gesellschaft auslösen kann. Häufig wenden sie sich daraufhin den unveränderbaren Komponenten zu, beispielsweise ihrem Glauben. Nun nutzen Islamisten diese Ängste der Migrant:innen, um sie anzusprechen. Migrant:innen aus muslimisch-patriarchal geprägten Herkunftsländern werden zumeist mit einer Form der Angstpädagogik erzogen. Die Angst vor Bestrafung ist omnipräsent.
Das Islam-Verständnis von Extremisten setzt auf genau diesen Bestandteil und reproduziert die Angstpädagogik mit der Angst vor der Hölle oder der Bestrafung durch Allah. Das Gefühl der Angst wirkt auf mehreren Ebenen im Integrationsprozess. Zum einen behindert sie Migrant:innen offen die Werte einer Gesellschaft anzunehmen.
Zum anderen nutzen Islamisten diese Unsicherheit im Ankommensprozess, um Migrant:innen anzusprechen, wobei ein Kernelement des Islamismus die Angstpädagogik ist. Ein zentraler Bestandteil von Integrationsarbeit muss also der Abbau von Ängsten sein, um gewinnend die Grundwerte der Gesellschaft zu vermitteln.

V5 Peter Levine Trauma and paralyzing fear, anxiety and helplessness Helping our clients find a way out (Der Vortrag wird auf Englisch gehalten und ins Deutsche übersetzt.)

Sonntag, 30.04.2023, 19.45-21.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Somatic Experiencing® (SE™) is a body-oriented therapeutic approach to the treatment of trauma and other stress related disorders. Trauma can come from many things like war and abuse, but it can also come from a difficult birth, an automobile accident, or even an invisible threat, like Covid-19.
The trauma response is a set of defensive bodily reactions (fight, flight, freeze) that we initially mobilize in order to protect ourselves both physically and emotionally, but sometimes this protective mechanism gets stuck, and we can become frozen in the past, unable to be fully present in the here and now, and unable to move forward in life with joy. For some, traumatic experiences may lead to chronic fear, helplessness, anxiety, anger, rebellion, collapse, and depression, as well as various physical symptoms. During this program, Peter Levine will guide us in how the SE approach gently facilitates the release of thwarted survival energy bound in the body, thus addressing the root cause of trauma symptoms, allowing us to better manage stressful times without overload, burnout, or regretful transgressions. During this program, Peter Levine will guide us in how the SE approach gently facilitates the release of thwarted survival energy bound in the body, thus addressing the root cause of trauma symptoms, allowing us to better manage stressful times without overload, burnout, or regretful transgressions.

V6 Alfried Längle Unsicherheit – Beklemmung – Ängstlichkeit Stufen der Angst und ihr existentieller Grund

Montag, 01.05.2023, 09.05-09.45 Uhr, Plenarsaal

Angst entsteht durch gefühlte Wahrnehmung von Bedrohung oder Gefahr. Sie ist daher eine psychische Reaktion auf fehlende Sicherheit. Das Subjekt erlebt dabei (zumeist unbewusst) einen Mangel jener spezifischen existentiellen Voraussetzungen, die uns im Sein halten und vor der Abgründigkeit der Existenz bewahren, nämlich Schutz,
Raum und Halt (1. GM). Erreicht der Mangel die Schwelle einer vital empfundenen Bedrohung/Gefahr, können sich psychodynamische Reaktionen mit körperlichem Mitschwingen ausbilden. Hält das Defizit an, wachsen sich diese psychischen Reaktionen zu Störungen aus und es werden die Coping-Reaktionen fixiert. Je nachdem, welche Voraussetzung des Sein-Könnens am schwächsten ist, bilden sich entsprechende Muster aus und kennzeichnen die Form und Intensität des Leidens. Der vollen Ausbildungsform der Angst sind oft leichtere Formen des Erlebens vorgelagert. Hier soll ihr Zusammenhang mit den existentiellen Voraussetzungen für das Sein-Können beleuchtet werden. Der Vortrag soll das Verständnis der Angst durch ihre Verzahnung mit der ersten Grundmotivation transparenter machen und sie präzise an die existentiellen Voraussetzungen anbinden. Aus diesem Verständnis lassen sich therapeutische Vorgehensweisen leichter und spezifischer ableiten.

V7 Christoph Kolbe Was unterscheidet Angststörungen von anderen psychischen Ängsten? Zusammenhänge – Differenzierungen – Charakteristika

Montag, 01.05.2023, 09.50-10.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Alle psychischen Störungen sind begleitet von Ängsten. Aber nicht alle Ängste sind Angststörungen. Wie verhalten sich also Ängste, insbesondere wenn sie sich in starken Ausprägungen manifestieren, und die spezifische Angst der Angststörung, die existenzanalytisch mit dem Thema Halt verortet wird, zueinander? Diese Unterscheidung und diese Abgrenzung sind diagnostisch wie auch für die therapeutische Praxis von erheblicher Bedeutung. Der Vortrag gibt einen Überblick und eine Einordnung der spezifischen Ängste, Kerngefühle und Kernaffekte im Horizont der grundmotivationalen Daseinsthemen, so dass eine Abgrenzung der sogenannten Angststörungen von anderen psychischen Störungen mit ihren begleitenden Ängsten deutlich wird. Und er zeigt auf einer phänomenologischen Ebene existenzialer Diagnostik, welche Haltungen und Einstellungen dem Menschen mit Angststörungen eigen sind und deshalb ein gelingendes Leben behindern. Dies gibt Anhaltspunkte für die therapeutische und beraterische Praxis.

V8 Karin Matuszak-Luss Die vielen Gestalten der Grundangst

Montag, 01.05.2023, 11.05-11.25 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Menschen erleben Grundangst, wenn sie mit Haltlosigkeit, Grundlosigkeit und dem Hereinbrechen des Nichts konfrontiert sind. Das Phänomen der Grundangst ist multifaktoriell bedingt und kann sich in unterschiedlichen klinisch relevanten Störungsbildern zeigen. Die strukturellen Unterschiede und der Schweregrad der in Erscheinung tretenden Grundangst modulieren den existenzanalytisch therapeutischen Zugang zu den betroffenen Menschen in der Schwerpunktsetzung der therapeutischen Interventionen und im Aufbau des therapeutischen Prozesses. In Fallvignetten werden die unterschiedlichen Herangehensweisen zu einigen von Grundangst untermauerten Krankheitsbildern aufgezeigt.

V9 Erika Luginbühl-Schwab Erwartungsängste und ihre Bedeutung für den Existenzvollzug

Montag, 01.05.2023, 11.30-11.50 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Gemäß existenzanalytischem Verständnis sind wir Menschen bestrebt, zur Existenz zu kommen. Darunter verstehen wir ein Leben, das innerhalb der vorgegebenen Bedingungen authentisch und sinnvoll gestaltet wird, eingebunden in das Bewusstsein der Verantwortung sowohl für uns selber als auch für die Mitwelt. Dabei erachten wir gelungenen Existenzvollzug als Ausdruck psychischer Gesundheit, während existenzielles Scheitern zu psychischen Leidenszuständen führen kann.
Erwartungsängsten kommt beim Existenzvollzug eine wesentliche Bedeutung zu. Sie können sich einstellen, wenn wir unser Leben vorausschauend planen und machen uns darauf aufmerksam, wenn ein Wert und damit der Existenzvollzug in Gefahr ist. Der Affekt Angst gibt dem tatsächlich oder vermeintlich bedrohten Wert ein Gewicht. Die Angst weist also auf Wesentliches hin und damit auf die Aufgabe, unser Leben we￾sentlich zu gestalten. Nimmt sie überhand, kann sie uns passivieren und damit daran hindern, Existenz zu vollziehen. Im Vortrag soll der gleichzeitigen Bedeutung der Angst für gelungenen und gescheiterten Existenzvollzug anhand von Beispielen aus der Praxis nachgegangen werden.

V10 Birgit Hofmann Panikattacken als „Versagen der Schwerkraft“

Montag, 01.05.2023, 11.55-12.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Ich befasse mich in meinem Beitrag mit der Panikerkrankung, die von Betroffenen als der brutalste, ihr ganzes Wesen erschütternde Einbruch der Angst in ihre gesamte Existenz erlebt wird. Um das Wesen der Störung zu verstehen und um die tiefe Verunsicherung nachvollziehen zu können, ist eine phänomenologische Analyse der Bedingungen der ersten Panikattacke oft sehr aufschlussreich. Anhand eines Beispiels wird das Erleben eines Patienten vor, während und nach seiner ersten Attacke von ihm als „Angst vor dem Versagen der Schwerkraft“ beschrieben. Anhand eines theoretischen Modells werden die Bedingungen dieses subjektiven Gefühls des Herausfallens aus sämtlichen Sicherheitssystemen nachvollzogen und psychologisch begründet. Als zentrale therapeutische Maßnahme beschreibe ich das Konzept der „Subjektkonstituierung“. Bei der Konfrontation mit kritischen Situationen und seiner darauf erfolgenden Angstreaktionen wird der Betroffene dazu angeleitet, sukzessive seine sämtlichen IchFunktionen zu aktivieren, sich damit wieder fest in der Welt zu etablieren und solide verankert zu fühlen, so dass das existenzielle Alarmsignal der Angstreaktion immer besser bewältigt werden kann bis zu seinem konstanten Ausbleiben.

V11 Esther Purgina Und wenn ICH Angst habe? Ängste der Psychotherapeut:innen im therapeutischen Prozess

Montag, 01.05.2023, 14.35-14.55 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Eine der ersten Aufgaben, die wir als Therapeut:innen für unsere Klient:innen zu erfüllen haben, ist, für sie einen Boden zu legen, auf dem sie sicher Platz nehmen können. Einen Raum zu schaffen, in dem sie sich geschützt und gehalten fühlen können. Erst dann können wir uns gemeinsam auf die Reise machen, denn Wahrnehmen, Verstehen und Entwicklung brauchen Sicherheit. Was aber, wenn ich mich als Therapeut:in nicht mehr sicher fühle? Physisch nicht mehr sicher, existentiell nicht mehr sicher, in meinem begleitenden Weg nicht mehr sicher? Wer legt mir den Boden, auf dem ich als Therapeut:in sicher Platz nehmen kann? In diesem Vortrag wird der Frage nachgegangen, welche Faktoren Angst in uns Psychotherapeut:innen auslösen können – und es wird der Versuch unternommen, Antworten zu finden, wie wir in einen Umgang mit dieser Angst kommen können.

V12 Johannes Jurka Die Angst des Mannes vor der Psychotherapie und die Angst der Existenzanalyse vor der Geschlechtlichkeit

Montag, 01.05.2023, 15.00-15.20 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Psychotherapie ist die Antithese zu traditioneller Männlichkeit: Schwäche zeigen vs. stark sein, Auseinandersetzung mit Schmerz vs. Verleugnung von Schmerz, Gefühlsausdruck vs. Stoizismus. Es ist also kein Wunder, dass viele Männer Angst vor Psychotherapie haben.
Das Aufbrechen traditioneller Männlichkeit hin zu einer Pluralität an Männlichkeiten ermöglicht, dass immer mehr Männer in Psychotherapie gehen. Gleichzeitig verunsichert die Aufweichung der männlichen Norm viele Klienten und konfrontiert sie mit der Frage: Was für ein Mann will ich sein?
Nicht nur Männer haben Angst vor der Psychotherapie, auch die Existenzanalyse scheut davor zurück, sich vertieft mit Männlichkeit und Geschlechtlichkeit generell zu beschäftigen. Die geschlechtlose Person prägt das existenzanalytische Modell und erschwert die Begegnung zwischen Therapeut:in und Klient:in mit all ihren Übertragungen, sexuellen Anziehungen und Machtdynamiken.
Dieser Vortrag argumentiert, dass die Existenzanalyse mit ihrem Fokus auf das Freie und Gestaltende prädestiniert dafür ist, Menschen in Fragen ihrer Geschlechtsidentität zu begleiten und möchte Therapeut:innen ermutigen in ihrer Geschlechtlichkeit präsent zu sein.

V13 Edith Gouta-Holoubek Altsein ist eine wunderbare Sache… Die Angst vor dem Alter als Spur zum Wesentlichen

Montag, 01.05.2023, 15.25-15.45 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Alt werden bedeutet, sich zu wandeln, ob gewollt, oder nicht. Das Alter wird vor allem mit Defiziten und Einschränkungen unserer Lebensqualität assoziiert, die wir fürchten. Gleichzeitig erinnert uns diese Lebensspanne an die Kostbarkeit des Augenblicks und ermöglicht ein neues Gewahr werden des Lebens im Hier und Jetzt. Die Zeit weitet sich, wo Wertvolles erlebt wird, wie schöne Momente, Begegnungen, schöpferische Tätigkeiten oder Mußestunden für Geist und Seele. Achtsames, bewusstes Altern ist ein Prozess, sich neu auf das Leben und die veränderten inneren und äußeren Bedingungen einzulassen und kann zu persönlichem, existentiellem Wachstum führen. Wenn Altern gelingt, können Potentiale wie Gelassenheit, Ruhe, Distanz, Weisheit, Humor und geistige Tiefe zur Entfaltung kommen. Der Vortrag dient einem erweiterten Verständnis der existentiellen Fragen, Phänomene und Herausforderungen in dieser Lebensphase und wie es gelingen kann, in einem lebendigen inneren Dialog mit sich
und der Welt bleiben zu können. Dazu Martin Buber: „Alt sein ist eine wunderbare Sache, wenn man nicht verlernt hat, was anfangen heißt…“

V14 Melanie Wolfers Zuversicht: Eine Kraft, die Angst „einhegt“ und an ein neues Morgen glaubt

Montag, 01.05.2023, 16.20-17.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Zuversicht ist ein wichtiges seelisches Potenzial! Sie gibt die Kraft, persönlichen Schwierigkeiten zu trotzen und positive Zukunftsbilder zu entwickeln. Und sie setzt frei, was unsere Gesellschaft so dringend braucht: dass jede:r sich mutig, kreativ und kooperativ einbringt, um jetzt die Probleme unserer Zeit anzugehen.
Es wird über die Kraft der Zuversicht und über das Spannungsverhältnis von „hoffen und bangen“ gesprochen und die Frage gestellt: Was schwächt Zuversicht und wie lässt sie sich stärken? Und wie kann man in Krisenzeiten Zuversicht als einen Prozess verstehen und gestalten?

A) PSYCHOTHERAPIE & BERATUNG
Organisation: Clemens Fartacek, Claudia Reitinger

VORTRÄGE

A1 Christiane Groß
Angst zwischen dem Noch nicht und dem Nicht mehr
Angsterleben in Übergängen
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-15.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Es gibt zahlreiche Übergänge im Leben, die es zu vollziehen gilt. Ob es sich um gesetzte Übergänge oder um selbst gewählte handelt, Übergangsphasen gehen oft mit Angst, Ungewissheit und Verunsicherung einher. Was genau am Übergangsgeschehen ist angstauslösend? Gibt es spezifische Übergangsängste – also Ängste, die insbesondere nur in solchen Phasen auftreten? Oder werden im Übergang jene Ängste wachgerufen und verstärkt, mit denen die Betroffenen sowieso ringen? Anhand von mehreren Fallbeispielen aus der Beratungs- und Therapiepraxis soll phänomenologisch diesen Fragen nachgegangen. Die gefundenen Antworten werden in das existenzanalytische Strukturmodell eingeordnet.

A2 Claudia Reitinger
Existenzanalytische Traumarbeit am Beispiel einer Angstpatientin
Sonntag, 30.04.2023, 15.00-15.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Träume ergänzend zum Erleben im Wachzustand in den therapeutischen Prozess zu integrieren hat einerseits den Vorteil, dass deren Inhalt in unverstellter Weise zeigt, was den/die Träumende/n zu einem bestimmten Zeitpunkt bewegt – auf diese Weise können Träume eine Richtschnur für die Ausrichtung des therapeutischen Prozesses geben. Andererseits kann anhand von Träumen die Veränderung durch die therapeutische Arbeit mitverfolgt bzw. überprüft werden. Der therapeutische Prozess einer Angstpatientin wird anhand ihrer Träume dargestellt
und gezeigt, wie sich der Trauminhalt im Laufe der Therapie verändert hat.

A3 Silvia Längle, Astrid Görtz, Clemens Fartacek
Existenzanalytische Praxis-Forschung – ein Update
Sonntag, 30.04.2023, 15.30-16.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die Psychotherapieforschung fordert einen starken Praxisbezug von Studienergebnissen. In diesem Trend liegen die laufenden existenzanalytischen Projekte (z. B. „Praktiker-Studie für Therapeut:innen in Ausbildung unter Supervision“, „Carina-Studie“, Klinische Einzelfall-Studien). Der Kongress-Beitrag liefert aktuelle Ergebnisse aus diesen Projekten, sowohl hinsichtlich quantitativer als auch qualitativer Methodik wie der hermeneutisch phänomenologischen Analyse. Darüber hinaus werden Anregungen für Forschungsprojekte gegeben, die einzelne Psychotherapeut:innen als „forschende Praktiker:innen“ ohne allzu großen Aufwand selbst durchführen können.

A4 Dimitri Laius
„Ich habe Angst, aber meine Werte sind stärker“
Existenzanalyse der Angst in der Online-Arbeit mit Opfern von Polizeigewalt in Belarus und Russland 2020-2021
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-17.00 Uhr, Raum HS 02

Die Betroffenen von Polizeigewalt in Belarus im August und September 2020 und in Russland im Jänner und Februar 2021 waren überwiegend von Entsetzen und Angst überwältigt. In diesem Vortrag werden die Ergebnisse der ehrenamtlichen beraterischen Arbeit im Rahmen des Projekts „Psychologie für Menschenrechte“ vorgestellt. Das Projekt hat mehr als 140 russischsprachige Berater:innen und Therapeuten:innen aus aller Welt und politische Aktivist:innen vereinigt. Wie kann man helfen, wenn es nur eine Stunde gibt, um mit den Betroffenen an der Angst und/oder den Folgen von Polizeigewalt zu arbeiten? Es wird untersucht, ob die Existenzanalyse, die oft für „zu philosophisch und theoretisch“ gehalten wird und ohne Manuale arbeitet, in diesen schwierigen Situationen unterstützen kann.

A5 Irina Davydenko
Ich schaffe es nicht!
Versagensängste hinsichtlich der Gesundheit
Sonntag, 30.04.2023, 17.00-17.30 Uhr, Raum HS 02

„Im Laufe der Zeit merke ich, dass meine Gesundheit nachlässt. Ich leiste nicht mehr wie gewohnt. Vielleicht werden die jüngeren Kollegen langsam besser als ich, und mein Vorgesetzter merkt das. Ich bin anders, sehe aber meine Grenzen nicht mehr, ich habe Angst zu versagen!“ Im Vortrag wird der existenzanalytische Blick auf die Besonderheiten der Insuffizienzgefühle in Bezug auf die gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Menschen mit psychischen und physischen Erkrankungen vorgestellt.

A6 Yaryna Kaplunenko
Existential anxiety in the context of today’s turbulent challenges
Sonntag, 30.04.2023, 17.30-18.00 Uhr, Raum HS 02

The report presents a scientific and theoretical analysis of the phenomenon of Existential anxiety, considers its nature and features from ancient times to the modern research in the field of existentialism and neurobiology, as well as an existential-analytical approach to existential anxiety. Different types of existential anxiety (fear of death,
loneliness, blurred identification and meaning of life), preconditions and features of their manifestations, as well as their relationship with the four fundamental dimensions of existence, have been empirically studied. The main accents to psychotherapeutic interventions are highlighted depending on the prevailing type of existential anxiety.

WORKSHOPS

A10 Markus Felder
Loving presence – liebevolle Präsenz!
Eine hilfreiche Qualität im Umgang mit Angst und Unsicherheit
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-16.00 Uhr, Raum HS 01

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 14 Personen

Ron Kurtz, der Begründer der achtsamkeitszentrierten Körperpsychotherapie Hakomi, beschrieb „Loving Presence“ als die zentrale Qualität der psychotherapeutischen Beziehung. Nur wenn sich Klient:innen in der Psychotherapie sicher und geborgen fühlen, kann mit verletzlichen, schmerzlichen Anteilen gearbeitet werden. Im Rahmen dieses Workshops werden wir uns praktisch damit beschäftigen, wie es uns möglich sein und was uns dabei unterstützen kann, in liebevoller Präsenz absichtslos bei dem/ der Klient:in zu sein. Gemeinsamkeiten und Synergien mit unserer existenzanalytischen Grundhaltung werden im Workshop aufgezeigt.

A11 Martin Hötzer
Obwohl es Nacht ist Hilft Kontemplation in der Angst?
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-16.00 Uhr, Raum SR 01

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 25 Personen

Stille und Dunkelheit werden von Menschen mitunter als ängstigend und als bedrohliche Leere wahrgenommen. In den mystischen Traditionen hingegen gelten Stille und Dunkelheit als Quellen, aus denen das Lebendige fließt. Die Kontemplation macht sich dorthin auf den Weg. Im Workshop sollen kontemplative Zugänge vorgestellt und mit den personalen Fähigkeiten „Aushalten“, „Annehmen“, „Zuwenden“ und „Gerecht-urteilen“ in Zusammenhang gebracht werden. Der phänomenologische Zugang zu Stille und Dunkelheit dient als Werkzeug, um Halt-Gebendes in der Angst in Erfahrung zu bringen.

A12 Klaudia Gennermann, Michael Scherf
Angst: ein schlechter Ratgeber, aber ein guter Spion
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-16.00 Uhr, Raum SR 02

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 25 Personen

Angst taucht in unseren Praxen in vielfältiger Weise auf. Als Angststörung, aber auch als Begleiterscheinung anderer psychischer und somatischer Störungen. Die Entwicklung im medizinischen Bereich – mit dem Schwerpunkt auf der diagnostischen Kategorisierung – fördert eine störungsspezifische Ausrichtung, die individuelle Bedeutungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen vernachlässigt. Angst, als Grunderfahrung existenzieller Unsicherheit, ist aber ohne diese Bedingungen nicht denkbar. Im Workshop möchten wir diskutieren, welchen Platz störungsspezifische, individuelle und gesellschaftliche Dimensionen im therapeutisch-beraterischen Kontext einnehmen
(sollten).

A13 Ursula Zelzer-Lenz
Wenn alles zerbricht!
Die Kraft der Berührung in der Angsttherapie
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-18.00 Uhr, Raum SR 01

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 16 Personen

Angst ist Teil unseres Lebens, oft Wegweiser für mögliche Entwicklungen. Was hilft, wenn die Brüchigkeit des Lebens alles in Frage stellt, den Boden wegzieht? Wenn Erschütterungen uns heimsuchen? Wenn wir innerlich erzittern, erstarren, den Atem anhalten?
Das physische, psychische und existenzielle Erleben steht in unmittelbarem Zusammenhang mit unserem Körper. Mit kurzen existenzanalytischen theoretischen Inputs und praktischen Übungen aus der existenzanalytischen Traumatherapie, der Psychosomatik und dem Existenziellen Grounding beleuchten wir die Bedeutung und Wirkung der Berührung und deren Anwendung in der Angsttherapie.

B) KINDER- & JUGENDLICHENPSYCHOTHERAPIE

Organisation: Birgit Adenbeck

VORTRÄGE

B1 Claudia Kollmann
„Hilfe! Mama, Papa … Ich trau mich nicht! Ich habe solche Angst!“
Ängste im Kindes- und Jugendalter
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-15.00 Uhr, Raum HS 03

Im Laufe des Heranreifens vom Kind zum Erwachsenen begegnen wir Ängsten, die grundsätzlich zur Entwicklung gehören. Viele Ängste verschwinden ganz von alleine wieder. Manches Mal zeigen sich Ängste aber so unangenehm, absurd, quälend, blockierend, dass Kinder, Jugendliche und auch deren Eltern Unterstützung in der psychotherapeutischen Praxis suchen. In diesem Vortrag verschaffen wir uns gemeinsam einen Überblick über die typischen Ängste im Kindes- und Jugendalter. Anschließend wird versucht darzustellen, wie die existenzanalytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie dabei unterstützen kann, Vertrauen zu entwickeln. Wir betrachten dabei wesentliche therapeutische Elemente. Mit einer kurzen Geschichte über Mut und Vertrauen wird der Vortrag beendet.

B2 Mario Wolframm
Boys don’t cry – Oder etwa doch?
Angst bei jugendlichen Häftlingen im Umfeld einer Jugendstrafanstalt
Sonntag, 30.04.2023, 15.00-15.30 Uhr, Raum HS 03

Identitätskrisen, Ziellosigkeit und der Höhepunkt delinquenter Verhaltens¬weisen gepaart mit affektiver Labilität sind während der Lebensphase der Jugend anzutreffen. Für manche Jugendliche ist der Weg in die Straffälligkeit vorgezeichnet. Es soll im Rahmen dieses Vortrags der Frage nachgegangen werden, welche Ängste die Jugendlichen umtreibt, bevor sie in die Strafanstalt überstellt werden, welche Ängste während der Haft und welche Ängste vor der Entlassung auf die Jugendlichen zukommen. Anhand von Fallvignetten wird exemplarisch die existenzanalytische Arbeit auf der ersten Grundmotivation dargestellt und es werden die Möglichkeiten und Grenzen in
diesem besonderen Umfeld diskutiert.

B3 Alma Brkic-Elezovic
Schulphobie oder Schulangst?
Wenn der Schulweg zum Albtraum wird
Sonntag, 30.04.2023, 15.30-16.00 Uhr, Raum HS 03

Was tun, wenn das Kind „von heute auf morgen“ Panik und Angst entwickelt, wenn es zur Schule muss? Wenn das Schulgebäude zum Feind wird und als existenziell bedrohlich empfunden wird? Ein Ort, wo das Kind einfach nicht SEIN kann und die Lösung Vermeidung und Abwesenheit von dieser ist? In dem Vortrag wird dargestellt, welche Hintergründe eine Schulangst bzw. eine Schulphobie haben kann. Anhand eines Fallbeispiels wird veranschaulicht, welche Dynamiken zwischen Schule, Familie und dem Kind entstehen können und was die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie dazu beitragen kann, den Weg zur Schule wieder zu „ebnen“.

WORKSHOPS

B10 Ingrid Mittendorfer
„Angst klopfte an die Tür, Vertrauen öffnete und niemand stand
draußen“
Mit Mut und Vertrauen gemeinsam der Angst entgegentreten
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-18.00 Uhr, Raum SR 03

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 25 Personen

Der Workshop geht der Frage nach, was Kinder und Jugendliche brauchen, wenn Sicherheit abhandengekommen ist und Ängste auftauchen. Die Rolle des Bezugssystems soll dabei ebenfalls in den Fokus genommen werden, sowie dessen Einbindung in den therapeutischen Verlauf. Unterstützende Methoden und Materialien aus der psychotherapeutischen Praxis werden vorgestellt, sie sollen helfen, den tragenden Boden der Wirklichkeit wieder zu spüren und den Ängsten gegenübertreten zu können. Um zu einem guten Verstehen zu kommen, beschäftigen wir uns im Rahmen des Workshops auch mit eigenen Ängsten und dem spannenden Übertragungsgeschehen beim Thema Angst.

B11 Katharina Sulzbacher
„Das schaff ich nie!“
Versagensängste und ihre Auswirkungen auf die psychische Entwicklung von Jugendlichen
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-18.00 Uhr, Raum SR 04

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 25 Personen

In der therapeutischen Praxis begegnen uns oft Jugendliche, die unter Versagensängsten leiden. Schule, Freunde, Familie und die sozialen Medien geben vor, wie ein gutes Leben auszusehen hat. Diesem Anspruch nicht gerecht zu werden, wirkt sich negativ auf die Entwicklung von Jugendlichen aus. Es macht ihnen Angst und führt zu Vergleichen, die in Versagensängste, Zukunftsängste und Verlustängste münden. Die Angst davor, falsche Entscheidungen zu treffen, kann sowohl in perfektionistische Verhaltensweisen als auch in eine innere Haltung der Verweigerung münden, was langfristig zu psychischen Problemen führen kann. Im Workshop soll näher darauf eingegangen werden, wie wir den Jugendlichen als Psychotherapeut:innen begegnen und sie durch einfache Übungen zu mehr Selbstsicherheit und einer individuellen Stellungnahme dem eigenen Leben gegenüber begleiten können.

C) PÄDAGOGIK

Organisation: Esther Kohl, Eva Maria Waibel

VORTRÄGE

C1 Thomas Happ
„Ich hasse dich!“
Perspektiven auf die Angst vor dem Nicht-sein-können im Kontext
von Fremdunterbringungseinrichtungen
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-15.15 Uhr, Raum HS 02

Wenn Kinder und Jugendliche vor der Situation stehen, in Fremdunterbringungseinrichtungen untergebracht zu werden, stellt sich bei ihnen oft die Frage des Sein-Könnens. Sie erleben ein Gefühl der Unsicherheit und Angst. Sie trauen sich selbst nichts zu, wurden meist traumatisierenden Situationen ausgesetzt und sind häufig an keine Grenzen gewöhnt. Sie können schwer alleine sein und testen oft, ob sie ausgehalten werden. Sie können keine Distanz wahren und wissen nicht, wohin sie gehören. Sie provozieren Reaktionen und es macht ihnen wenig aus, Grenzen zu überschreiten und andere zu verletzen. Was brauchen fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche, um in einen guten Umgang mit der Ausnahmesituation zu kommen? Was gibt ihnen Schutz, Raum und Halt? Wie kann ihr Aushalten und Annehmen aktiviert werden?

C2 Julie Melzer
Evergreen Strafe
Machtrituale in der Erziehung als Auslöser von Angst und die Frage nach Alternativen
Sonntag, 30.04.2023, 15.15-16.00 Uhr, Raum HS 02

In den letzten Jahrzehnten ist Erziehung zunehmend demokratisch und partnerschaftlicher geworden. Dennoch sind pädagogische Strafen im familiären und institutionellen Kontext ungebrochen populär. Oft wird ihre Anwendung als not¬wendige Konsequenz getarnt oder durch Orwell‘sches Neusprech wie „Grenzen setzen“ verdeckt. Diese Beschönigungsversuche ändern nichts daran, dass Erwachsene bei Kindern mit Drohungen und Strafen Angst und Verunsicherung auslösen. Neben erwünschten Wirkungen und unerwünschten Nebenwirkungen von Strafen fokussiert der Vortrag auf wert- und sinnorientierte Handlungsalternativen.

C3 Eva Maria Waibel
Die Angst der Erziehenden vor dem Kontrollverlust
Umgang mit der Unsicherheit in der Existenziellen Pädagogik
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-17.15 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Viele Erziehungsmaßnahmen und didaktische Konzepte sind von Angst begleitet. Erziehende haben immer wieder das Gefühl, herausfordernden Erziehungssituationen nicht ausreichend gewachsen zu sein. Häufig ausgeblendet werden Ängste, die durch die Unwägbarkeit von Erziehung selbst ausgelöst werden. Denn Erziehung ist per se Umgang mit Unsicherheit. Über eine andere Person kann prinzipiell nicht verfügt werden und das Ergebnis von Erziehungsmaßnahmen ist grundsätzlich nicht vorhersehbar. In diesem Vortrag gehe ich der Frage nach, wie in der Existenziellen Pädagogik diese Unsicherheiten in Erziehung und Unterricht aufgegriffen und welche Möglichkeiten des Umgangs durch sie angeboten werden.

C4 Matthias Mittelberger, Daniel Scheyer
Brace for Impact!
Von globalen und individuellen Klimakrisen
Sonntag, 30.04.2023, 17.15-18.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die Klimakatastrophe ist allgegenwärtig: in den Medien, den Klassenräumen und den Köpfen der Menschen. Besonders die junge Generation leidet unter der Angst vor zukünftigen Ereignissen und ihrer gegenwärtigen Ohnmacht, die Bedrohung abzuwenden. Die daraus folgenden existentiellen Einschränkungen für Kinder und Jugendliche sind heute schon erlebte Realität. Eine pädagogische und psychagogische Antwort auf diese Ausgangssituation ist ein Balanceakt zwischen Entlastung und Verantwortung. In diesem Vortrag sollen die Dimensionen und Herausforderungen dieser pädagogischen Antwort beschrieben und Schlussfolgerungen für die Praxis gezogen werden. Antwort beschrieben und Schlussfolgerungen für die Praxis gezogen werden.

WORKSHOP

C10 Daniela Klingler
Sei doch kein Angsthase!
Kinderängste wahr- und ernstnehmen
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-18.00 Uhr, Raum SR 02

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 25 Personen

Im Kindergarten sind Pädagog:innen u. a. mit Trennungs- und Verlustängsten und der magischen Phase konfrontiert. Bedeutsam ist, Kindern das Gefühl zu vermitteln, dass es erlaubt ist, Angst zu haben und Angst auszudrücken. Werden Kinder durch Halt, Raum und Schutz (1. Grundmotivation) gestärkt, können sie mit Ängsten angemessen umgehen und entfalten Grundvertrauen und Mut. Anhand ausgewählter Bilderbücher werden Themen kindlicher Ängste und ihre Bewältigung sowie Wege und Methoden erarbeitet, wie Kinder im Kindergarten von
ihren Pädagog:innen dabei achtsam und feinfühlig im Kindergarten begleitet werden können.

D) GESELLSCHAFT & POLITIK

Organisation: Martin Hötzer, Christina Strempfl, Hans Zeiringer, Gregoria Hötzer

*** Wenn sich Angst in der Gesellschaft breit macht, wirkt das unweigerlich auf den Einzelnen und seine Vulnerabilität zurück. Wie werden Ängste in der Öffentlichkeit aufgegriffen, geschürt und benützt? Wie „funktionieren“ fragwürdige, populistische Bewältigungsversuche? Was sind tragfähige gesellschaftliche Antworten auf das vielfältig Beunruhigende? Was bietet haltgebende Perspektiven in Zeiten der kollektiven Verunsicherung?
Das Symposium „Gesellschaft und Politik“ wird als „Diskurs Café“ gestaltet. Dieses dialogische Format ermöglicht es den Teilnehmer:innen, sich mit ihren Überlegungen, Erfahrungen und Fragen einzubringen. Nach den Referaten werden in Kleingruppen bestimmte Fragestellungen erörtert und die Ergebnisse im Anschluss mit allen in einem Plenumsgespräch geteilt. In diesem Symposium bilden Referent:innen und Publikum eine „Lerngemeinschaft“. Aus diesem Grund wird gebeten, am gesamten Symposium teilzunehmen.

VORTRÄGE

D1 Andreas Loretz
Angst als Beweggrund, Instrument und Rechtfertigung im politischen Diskurs
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-15.00 Uhr, Raum BIG/Live-Stream

Phänomene wie Finanzkrise, Klimakrise, Migrationsbewegungen, Pandemie oder technologische Disruption stellen Gewissheiten in Frage und lösen Unsicherheit aus. Diese Erschütterungen werden v. a. von populistischen Bewegungen als Mittel der Mobilisierung verwendet und in Angst übersetzt. Die angebotenen „politischen Copingstrategien“ beschäftigen sich nicht mit der Angst: Flucht aus komplexen Wirklichkeiten, Aggression oder Feindbilddenken projizieren die Angst nach außen und stellen den Anspruch, die Angst „wegzumachen“. Sie verstellen aber gleichzeitig den Blick auf die Hintergründe und Ursachen der Unsicherheit.

D2 Rene Märtin
Wie Ängste Politiker:innen in die existenzielle und ethische Zwickmühle treiben
Sonntag, 30.04.2023, 15.00-15.30 Uhr, Raum BIG/Live-Stream

Politiker:innen sind bemüht, Erwartungen der Bevölkerung mit der eigenen Identität in Einklang zu bringen: sie sollen gleichzeitig nah, eigensinnig, wandelbar und beständig sein. Das führt zur Einnahme politischer Rollen, die nicht immer authentisch abgestimmt sind. Treiber dieser Haltungen sind ein Zusammenspiel von Grund- und Erwartungsangst, Authentizität bleibt auf der Strecke. Das hat gesellschaftliche Auswirkungen, v. a. auf die Akzeptanz von Politik. Die wahrgenommenen Widersprüche treffen auf eine sich verändernde gesellschaftliche Grundgestimmtheit, die sich vermehrt autoritären Charakteren zuwendet. Politiker:innen befinden sich in einem Konflikt, denn das Ideal demokratischer Führung ist eine humanistische Ethik im Gegensatz zur autoritären Ethik.

D3 Walter Suntinger
Wie tragen die Menschenrechte zur Überwindung gesellschaftlicher Spaltungen bei?
Überlegungen aus der Menschenrechtspraxis
Sonntag, 30.04.2023, 15.30-16.00 Uhr, Raum BIG/Live-Stream

Ausgehend vom zentralen Begriff der gleichen Würde aller Menschen, stellen die Menschenrechte ein System fundamentaler Werte und Regeln dar, die ein Leben in Freiheit, Gleichheit und Solidarität ermöglichen. Die Menschenrechte erfüllen damit wesentliche Funktionen für ein friedvolles Zusammenleben. Sie zielen darauf ab, Grundbedürfnisse der Menschen auf gleicher Basis zu befriedigen und schützen vor den negativen Auswirkungen ungleicher Machtverhältnisse. Sie inkludieren gerade auch dann, wenn in einer diverser werdenden Gesellschaft die Spaltung droht. Die Menschenrechte ermöglichen ein existenzielles Leben und liefern wesentliche Beiträge zur Analyse und Bearbeitung der sozialen Wurzeln von Ängsten.

D4 Andreas Loretz, Rene Märtin, Walter Suntinger
Diskurs Café
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-18.00 Uhr, Raum HS 01
siehe ***

E) WIRTSCHAFT & ORGANISATIONSENTWICKLUNG

Organisation: Jürgen A. Baumann

VORTRÄGE

E1 Silvia Gebhard
Die unterschiedlichen Gesichter der Angst im Arbeitskontext
Ein praktischer Zugang
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-17.00 Uhr, Raum BIG/Live-Stream

Angst neigt neben ihrer Schutzfunktion auch dazu, sich in unseren Gedanken und Gefühlen einzunisten und uns in unserer Handlungsfähigkeit zu blockieren. Wie dieses Phänomen im betrieblichen Kontext sichtbar gemacht werden kann bzw. wie Führungskräfte ihren unterschiedlichen Ängsten und denen ihrer Mitarbeitenden begegnen können, wird mit dem offenen Blick der existenzanalytischen Brille anhand eines Praxisbeispiels aufgezeigt und thematisiert. In den Vortrag werden auch Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft einfließen, relevante Abläufe in unserem Gehirn, die die Angst entweder in eine blockierende oder in eine anspornende Reaktion führen können, werden verständlich skizziert.

E2 Markus Hoch
Die Existenzanalyse in der modernen Organisationsentwicklung
Ein Gegenentwurf zu Angst und Unsicherheit in Unternehmen
Sonntag, 30.04.2023, 17.00-17.30 Uhr, Raum BIG/Live-Stream

Die zunehmende Komplexität und Unberechenbarkeit in Wirtschaft und Gesellschaft führen zu Unsicherheiten und Ängsten. Wirtschaftliche und politische Krisen kommen nicht mehr in zeitlichen Wellen, sondern scheinen ohne Unterbrechung ineinander überzugehen. Um auf die sich verändernden Situationen adäquat reagieren zu können, nimmt der Druck zu ständiger Anpassung immer mehr zu, sodass gewachsene Strukturen und Methoden zunehmend hinterfragt werden. Anhand der vier Grundmotivationen und ihrem fraktalen Verständnis wollen wir wesentlichen Fragestellungen aus der Organisationsentwicklung nachgehen. Neue Sichtweisen und Ansätze anhand praxisnaher Beispiele werden mit dem Schwerpunkt auf den Umgang mit Angst vorgestellt.

E3 Christian Kuhlmann
Angst als produktives Element in der Transformation von Unternehmen
Ansätze des existenziellen Leadership im Umgang mit Angst
Sonntag, 30.04.2023, 17.30-18.00 Uhr, Raum BIG/Live-Stream

Angst gilt in Transformationsprozessen als Problem, das beseitigt werden soll. Angst lähmt Veränderung, behindert Wachstum, bindet Ressourcen und verkleinert Perspektiven. Führungskräfte, Berater:innen und Coaches sind angehalten, durch verschiedene Maßnahmen, Angst entweder erst gar nicht entstehen zu lassen oder Angst „umzuwandeln“ in positive Energie. Solche Umgangsweisen verhindern das Erkennen existenzieller Themen und Fragen. Angst kann nicht nur als Problem, sondern auch als Seismograph für grundlegende Aufgaben in Veränderungsprozessen angesehen werden. Der Vortrag reflektiert die Frage, wie existenzielles Leadership Angst zu einem fruchtbaren Phänomen in Transformationsprozessen werden lassen kann.

WORKSHOP

E10 Rainer Kinast, Jürgen A. Baumann
Von der lähmenden und belebenden Angst in Organisationen
Risiken – Chancen – Empfehlungen
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-16.00 Uhr, Raum SR 03

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 30 Personen

Ängste von Mitarbeitenden und von Führungspersonen können eine Chance für eine Organisation sein, wenn die Kultur des Unternehmens einen konstruktiven Umgang mit Ängsten zulässt. In diesem Workshop setzen wir uns gemeinsam mit diesen Ängsten auseinander, vor allem mit den positiven und negativen Auswirkungen. Dabei legen wir den Fokus auf die Frage, was konstruktive Umgangsweisen mit Ängsten für Führungspersonen und Mitarbeitende sein könnten. Im Zuge einer anschließenden interaktiven Verdichtung werden daraus Empfehlungen an das Verhalten von Führungspersonen in Organisationen herausgearbeitet. Inhaltliche Impulse runden den Workshop ab.

F) SEELSORGE & ALTER

Organisation: Geertje Bolle

VORTRÄGE

F1 Geertje Bolle
Von Holzengeln und bergenden Räumen
Umgehen mit Angst in der seelsorgerlichen Begleitung
Sonntag, 30.04.2023, 16.30-17.00 Uhr, Raum HS 03

Im seelsorgerlichen ähnlich wie im beraterischen Alltag begegnen uns oft Menschen voller Angst, die auf der Suche sind nach Gehaltensein. Gehaltensein in Vertrauensräumen, in bergenden Räumen. Dann sind Menschen besonders offen für Rituale und Schutzgebendes – etwas, was Seelsorge oft tatsächlich ermöglichen kann. Davon abzugrenzen ist eine hohe Bedürftigkeit nach Sicherheit, ein Durchlässigsein für Magisches – etwas, das die Angst geradezu nähren kann. An Beispielen von Begleitungen aus der Praxis wird ein Bereich existenzieller Seelsorge sichtbar.

F2 Barbara Leu
Angst am Lebensende
Was kann Palliative Care leisten?
Sonntag, 30.04.2023, 17.00-17.30 Uhr, Raum HS 03

Angst am Lebensende tritt oft zusammen mit körperlichen und psychischen Symptomen auf und ist daher schwierig zu erkennen. Es sind umfassende, tiefgreifende Ängste, die die betroffenen Menschen in ihren Grundfesten erschüttern, eben: existenzielle Ängste (wie sie etwa von Kierkegaard, Längle und Yalom beschrieben werden). Angst am Lebensende gehört zu den fundamentalen Erfahrungen eines Menschen – geht es letztlich um die sogenannten „letzten Dinge“, um Sterben und Tod. Im Rahmen des Vortrags werden anhand von Beispielen aus der Praxis diese Ängste und ein möglicher Umgang damit in der Palliative Care beschrieben.

F3 Elisabeth Kohrt
Sturz aus der normalen Wirklichkeit
Leben mit der Diagnose Krebs
Sonntag, 30.04.2023, 17.30-18.00 Uhr, Raum HS 03

Krebs wird meist als eine Grenzerfahrung des Daseins, als eine Konfrontation mit dem Tod erlebt. Das Leben ist plötzlich nicht mehr so sicher, die Zukunft ungewiss, das macht Angst – eine existenzielle Grunderfahrung. Im personalen Prozess geht es darum, einen Weg zu finden, die Krankheit und die damit verbundene Angst annehmen zu können, sie ins Leben zu integrieren. Im Rahmen des Vortrages wird anhand von Beispielen aus der Praxis dargestellt, welche Möglichkeiten in dieser existenziellen Grunderfahrung liegen, um mit der auftauchenden Angst wieder den Mut zu finden, frei für das Leben zu werden.

WORKSHOP

F10 Andrea Blume
Da ist noch Leben vor dem Tod
Eine künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-16.00 Uhr, Raum SR 05

Maximale Teilnehmer:innenzahl: 14 Personen

Eine Krebsdiagnose, ein schwerer Unfall, eine lebensbedrohliche Situation können unser Leben erschüttern. Plötzlich sind wir konfrontiert mit der eigenen Endlichkeit. Oft fällt es schwer, die persönlichen Ängste in Worte zu fassen, wenn es um unsere eigene Sterblichkeit geht. Wenn wir dem Tod Gestalt verleihen, wie kann Leben und
Lebendigkeit gelingen? Es soll der Versuch gewagt werden, mit Hilfe von Pinsel und Leinwand durch einen „lebhaften“ Prozess ein Bild zum „Leben vor dem Tod“ zu gestalten. Die kreative Auseinandersetzung kann ein Annehmen des Unabänderlichen ermöglichen, Gefühle sichtbar machen und dazu beitragen, mit seinem begrenzten Dasein und mit sich selbst in Berührung zu kommen.

G) EINFÜHRUNG IN DIE EXISTENZANALYSE
& LOGOTHERAPIE

VORTRAG
G1 Barbara Gawel
Was ist Existenzanalyse?
Sonntag, 30.04.2023, 14.30-16.00 Uhr, Raum SR 04

Der Vortrag führt in die Grundlagen der Existenzanalyse ein. Im Zentrum stehen dabei die Anthropologie, Motivationstheorie, die Phänomenologie als Haltung und Methode der Gesprächsführung und das Strukturmodell. Darauf aufbauend wird in einem Überblick die existenzanalytische Sicht von spezifischen Störungsbildern dargestellt.