ABSTRACTS PLENARVORTRÄGE

V1 Ariadne von Schirach Was kann es heißen, ein gutes und bewusstes Leben zu leben?

Samstag, 01.05.2021, 09.15-10.05 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Wir beginnen mit einigen Grundannahmen über den Menschen und seine Rolle in der
Welt. Wir alle müssen die Gegensätze zwischen Natur und Kultur, Körper und Innenwelt, Notwendigkeit und Freiheit immer wieder balancieren und fruchtbar machen.
In unserer hektischen und leistungsorientierten Gegenwart jedoch wird auch unsere
Idee von uns selbst immer einseitiger. Quantität ersetzt Qualität, der Selbstwert ist
zum Marktwert geworden. Dadurch hat Selbstoptimierung als Arbeit am Äußeren die
Lebenskunst als Bezug zu unserem Inneren zunehmend verdrängt. Obwohl wir beidem gerecht werden müssen, verdanken sich Sinn und Erfüllung vor allem letzterem.
Deshalb schließen wir mit drei existenziellen Herausforderungen, denen sich jeder
gegenübersieht, der sich aufmachen möchte, zu werden, wer er oder sie ist.

V2 Ingrid Brodnig, Josef Bruckmoser, Katharina Huemer Diskussionsrunde: Authentizität und Agilität aus der Sicht von Medienexpert*innen

Samstag, 01.05.2021, 10.05-11.00 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Erfahrene Vertreter*innen der Print- und Rundfunkmedien werden sich mit dem Einfluss der Medien auf den einzelnen Menschen und die Gesellschaft auseinandersetzen.
Dabei sollen diverse Aspekte wie digitale Vernetzung, Gefahren der politische Manipulation und der ethische Auftrag der Medien im Fokus stehen. Kritisch beleuchtet wird auch die Frage, wie weit Medien die Rolle der „vierten Gewalt“ erfüllen können beziehungsweise wie groß ihre kommerzielle Abhängigkeit ist. Grundtenor wird die Frage des „richtigen“ und „falschen“ Lebens in einer überhitzten Informations- und Mediengesellschaft sein.

V3 Christoph Kolbe Die Fähigkeit, dem Eigenen zu folgen Wie gelingt Authentizität in der heutigen Gesellschaft?

Samstag, 01.05.2021, 11.30-12.15 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Der Mensch kann der Notwendigkeit, sein Leben in die Hand zu nehmen und es zu gestalten, nicht entkommen. So sieht es die existenzielle Tradition der Geistesgeschichte, in der die Existenzanalyse steht. Wie ist das angesichts der Komplexität unserer Welt und ihrer rasanten Entwicklungen aber möglich? Ist es vielleicht sogar eine Überforderung, bestenfalls eine Utopie?
Neben der Klärung des existenzanalytischen Verständnisses von Authentizität werden im Vortrag Charakteristika unserer Zeit wie Komplexität, Geschwindigkeit, Wachstum,
Volatilität, Mehrdeutigkeit, Polarisierung, Unsicherheit, Informationsflut und Digitalisierung reflektiert und es wird überlegt, welche Ich-Strukturen und Ich-Funktionen den Menschen befähigen, mit diesen Herausforderungen konstruktiv und authentisch umgehen zu können, um ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen.

V4 Georg Stenger Vom ‚Ich im Wir’ zum ‚Wir des Anderen und Fremden’ – und zurück Phänomenologische Aspekte und therapeutische Potentiale interkultureller Begegnung

Samstag, 01.05.2021, 12.15-13.00 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

In dem phänomenologisch instruierten Vortrag möchte ich vor allem auf die wechselseitigen Konstitutionsprozesse zwischen „Ich und Wir“ sowie damit verbunden zwischen „Ich und Anderem resp. Fremdem“ eingehen, was zugleich bewusste wie unbewusste Erfahrungsräume zwischen dem Ich- bzw. Person-Sein auf der einen und scheinbar entgegenstehender „Objektwelten“ wie Gesellschaft, Politik, Technik, Ökonomie, Bildung usf. auf der anderen Seite freilegt.
In diesem Zusammenhang mag uns gerade heutzutage ein Blick über das europäisch-westliche Selbstverständnis hinaus erweiterte und vertiefte Einsichten gewähren, insofern schon allein Begriffe wie „Ich“ oder „Selbst“ strukturell anders gelagerte Zuschreibungen erhalten. Dies möchte ich am Beispiel des „Zwischen“ (aidagara) des japanischen Psychiaters Kimura Bin, an der Sprachstruktur des Japanischen, wie an einigen Grundeinsichten der altchinesischen Philosophie näher erläutern. Ich bewege mich mit meinen Überlegungen gewissermaßen auf der Ebene einer „Begriffsanamnese“, was gleichwohl auf ein inter-kulturell motiviertes Therapieverständnis nebst deren Praktiken zielt.

V5 Otto Kernberg The Psychopathology of Identity

Samstag, 01.05.2021, 19.45-21.15 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

This presentation will review the causes and effects of the failure to establish integrated concepts of the self and of significant others, the structural components of normal identity. The resultant rigidities in the organization of the personality, the limitations in affect expression and control, the chronic interpersonal difficulties, and the distortion in the establishment of internalized value systems will be explored, and psychotherapeutic approaches to these conditions outlined.

V6 Brigitta Mühlbacher Kindheit heute – ein Kinderspiel?

Sonntag, 02.05.2021, 09.10-09.30 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Die Kindheit ist die wichtigste Entwicklungsphase, in der wir Menschen grundlegende Erfahrungen machen, die unser ganzes Leben stark beeinflussen. Folglich ist es von zentraler Bedeutung, unter welchen familiären und gesellschaftlichen Bedingungen Kinder aufwachsen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich unsere Gesellschaft durch Mobilität, neue Technologien und Medien erheblich verändert und dadurch auch die Familienstruktur sowie die Lebenswelt der Kinder, die nicht nur Chancen, sondern auch Risiken
mit sich bringt. Demnach ist es für Kinder heutzutage eine große Herausforderung, in dieser vielfältigen und schnelllebigen Zeit zurechtzukommen, unbeschwert Kind sein zu dürfen und zu authentischen Individuen heranzuwachsen – was nicht immer gelingt.

V7 Rainer Kinast Wege zur Authentizität von wirtschaftlichen Unternehmen Erfahrungen mit existenzanalytischen Ansätzen im Management

Sonntag, 02.05.2021, 09.30-09.50 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Fachlich gute Mitarbeiter*innen zu halten und ebenso gute Mitarbeiter*innen anzuwerben, ist für viele Unternehmen eine entscheidende Herausforderung. Eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen und eine Förderung des eigenverantwortlichen
Engagements sind wesentliche Antworten auf diese Herausforderungen.
Mit existenzanalytischen Instrumenten – weiterentwickelt für funktionale Firmenstrukturen und in eine für Management und Mitarbeiter*innen kompatible Sprache gekleidet – kann eine Unternehmenskultur entwickelt werden, in der sich Führungskräfte und Mitarbeiter*innen gerne mit dem Unternehmen identifizieren und für den Firmenerfolg engagieren. Erfolgreiche Erfahrungen mit existenzanalytischen Ansätzen im Management werden in diesem Kurzvortrag skizziert.

V8 Ingo Zirks Wer bin ich? Wie bin ich mit wem? Sexuelle Identitäten im Wandel

Sonntag, 02.05.2021, 09.50-10.10 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Der Diskurs um die sexuelle Vielfalt ist oft verwirrend und wird mit viel Verve geführt. Eine Annäherung ist jedoch notwendig, wenn wir die Menschen, die mit Fragen um ihre sexuelle Identität zu uns kommen – aber auch uns selbst, besser verstehen und unterstützen wollen. In dem Impulsreferat wird ein Konzept sexueller Orientierungen, sexuellen Erlebens und sexuellen Verhaltens vorgestellt. Durch eine dialogisch-offene Gesprächsführung kann die jeweilige sexuelle Identität sichtbar werden. Die sich daraus ergebenden Lebensentwürfe bedürfen der unbedingten Wertschätzung und des Respekts, damit auch offene Fragen in einem sicheren Raum gestellt werden können.
Im Vortrag wird der Begriff „Gender“ eingeführt und seine Relevanz für das konkrete therapeutische Arbeiten in Bezug auf die sexuelle Identität dargestellt.

V9 Reinhard Haller Die Macht der Kränkung

Sonntag, 02.05.2021, 11.10-11.55 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Nahezu jedem menschlichen Problem liegt eine Kränkung zugrunde. Denn Kränkungen greifen Selbstachtung, Ehrgefühl und Werte an. Sie treffen uns im innersten Ich, können uns psychisch und körperlich krank machen, ja sogar zu Verbrechen und Krieg führen. Obwohl jeder Mensch andere kränkt und unter eigener Gekränktheit leidet, werden Kränkungen maßlos unterschätzt und tabuisiert, auch in der Therapie. Es gibt keine wissenschaftliche oder psychotherapeutische Konzeption und nicht einmal eine eigene Diagnose. Tatsächlich sind sie eine der wichtigsten psychischen Störungen im Alltag, die sich als soziale Interaktion zwischen jemandem, der kränkt und jemandem, der gekränkt wird, abspielt. Sie können zur Hauptursache von psychosomatischen Leiden, von Burnout und Sucht, aber auch von partnerschaftlichen und beruflichen Konflikten werden.
Ausgehend von dem Hildegard von Bingen zugeschriebenen Wort „Was kränkt macht
krank“ wird anhand ausgewählter Beispiele aus Geschichte, Gesellschaft und therapeutischer Praxis veranschaulicht, welche Macht Kränkungen über uns ausüben und wie es gelingt, sie therapeutisch zu bearbeiten, sie zu bewältigen und vielleicht an ihnen zu wachsen.

V10 Markus Hochgerner Trägt Psychotherapie zur Gesundheit bei? Und: Was bedeutet heute „krank“? Psychotherapeutische Diskurse zwischen Ermächtigung, subjektiver Macht und gesellschaftlicher Ohnmacht

Sonntag, 02.05.2021, 11.55-12.40 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Kurt Lewin definiert Macht als die Möglichkeit, in einer anderen Person Kräfte von bestimmter Größe zu induzieren. Standen Ende des 19. Jahrhunderts Formen der SelbstErmächtigung durch solidarisches Handeln (Arbeiterklasse) und rationale Selbst-Erkenntnis (Psychoanalyse) als ideales Ziel autonomer, politisch handelnder Subjekte am Beginn psychotherapeutischen Denkens und Handelns im Zentrum, so ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts „das Subjekt“ zur Adressat*in konsumatorischer Grundhaltung und unbedingten Funktionierens als Form gesellschaftlicher Bemächtigung geworden. Störend dabei sind: Flüchtlinge, Menschen mit Migrationsvordergrund, mit der Geschlechtsbezeichnung „Divers“, Arbeits(un)willige am Rande der Existenzsicherung, depressiv und somatoform Erkrankte, die Angst vor dem Corona-Virus und: die Angst
vor dem Tod.
Was trägt die Psychotherapie wozu bei?

V11 Karin Steinert Den Finger in die Wunde legen Ein Plädoyer für die Integration von Schmerz

Sonntag, 02.05.2021, 14.10-14.55 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Kaum jemand kommt in die Therapie und sagt von sich, dass er oder sie hysterisch ist. Hysterie versteckt sich vielmehr hinter anderen Diagnosen, am ehesten hinter solchen, die gerade im Trend sind. Im Moment erleben das Trauma und die Traumatherapie ein großes Interesse bis hin zu einem inflationären Charakter in der therapeutischen Landschaft. Es ist fast schon „chic“ ein Trauma zu haben und dazu jede Menge innerer Kinder zu versorgen. Dabei werden leicht Verletzungen mit Traumatisierungen verwechselt, was zur Folge haben kann, dass Verletzungen ausschließlich versorgt werden, ohne den dahinterliegenden Schmerz anzurühren. Schmerz tut weh, ist unangenehm – und niemand fasst gerne Unangenehmes an. Der / die hysterische Patient*in sowieso nicht, aber auch als Therapeut*in fühlt man sich schnell in die Rolle des / der „Bösen“ gedrängt, wenn man an den Schmerz rühren möchte, statt ausschließlich Ressourcen zu mobilisieren oder verletzte Anteile zu versorgen. Aber ohne Aushalten des Schmerzes gibt es keinen Weg aus der Hysterie.
In dem Vortrag soll der Unterschied zwischen Verletzung und Trauma beleuchtet und ein Umgang mit psychischem Schmerz in der therapeutischen Praxis thematisiert werden.

V12 Renate Bukovski im Gespräch mit Alfried Längle Hysterisch sein Grundzüge des Erlebens und Behandelns inneren Verloren-Seins

Sonntag, 02.05.2021, 14.55-15.40 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Hysterische Verhaltensweisen und Persönlichkeitszüge haben eine hohe Verbreitung in der Bevölkerung. Wegen ihrer genuinen Adaptabilität an das soziale Umfeld sind sie oft nicht als solche auffällig, sondern im sozialen Miteinander eher versteckt und nicht leicht zu erkennen, obwohl sie schon erhebliche Probleme machen können. Einzelne Züge sind naturgemäß weniger auffällig als die ganze Ausprägung der histrionischen Störung. Das Vollbild der histrionischen Persönlichkeitsstörung ist aber viel seltener als das Auftreten einzelner Verhaltensweisen oder Persönlichkeitszüge und wird überdies heute seltener diagnostiziert. Häufig ist es hinter anderen Diagnosen versteckt.
Wir werden in diesem Gespräch die Grundzüge des hysterischen Erlebens und Verhaltens und seine Dynamik deutlich machen und entsprechend die wichtigsten Elemente der therapeutischen Vorgehensweise aufzeigen. Damit soll ein am Erleben orientiertes Bild der zugrundeliegenden Schmerz-Dynamik vermittelt und der in der Behandlung nötige Umgang aus existenzanalytischer Sicht besser nachvollziehbar und emotional zugänglicher werden.

V13 Michael Lehofer (Echte) Selbstliebe

Sonntag, 02.05.2021, 16.10-16.55 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Liebe gilt als das größte der Gefühle. Sicherlich ist das, was wir unter Liebe verstehen von Gefühlen begleitet. Doch erstaunlicherweise nicht immer von positiven Gefühlen. Denn: Liebe ist kein Gefühl, sondern die Empfindung der Verbundenheit. Das spiegelt sich auch neurobiologisch in einem anderen Prozess als bei typischen Gefühlen wie Angst und Freude. Liebe ist Verbundenheit, und diese erzeugt in uns etwas, was man als Herzensruhe bezeichnen könnte. Zusätzlich können wir den Menschen, die wir lieben, gegenüber auch – wie gesagt – alle möglichen Gefühle aufbringen. Doch im Gegensatz zu diesen ist die Liebe als solche beständig. Verbundenheit hat, wenn überhaupt, eine viel, viel längere Halbwertszeit als Gefühle. Die Liebe als Verbundenheit ermöglicht als Rahmen die Entwicklung von Beziehungen. Das gilt auch für die Liebe zu sich selbst. Die Entwicklung der Beziehung zu sich selbst nennt man menschliche Reife. Selbstliebe bedeutet, sich selbst beruhigen zu können, sich bei sich selbst zuhause fühlen können und sich selbst der beste Freund sein können. Selbstliebe ermöglicht, jene Autonomie zu erreichen, dass die Zustimmung der anderen nicht mehr überlebensnotwendig ist, sondern nur mehr als Geschenk erlebt werden kann. Sie ist daher das Gegenteil von Narzissmus und befreit uns von unserer Tendenz zur Selbstund Fremdausbeutung. Gelungene Selbstliebe ist die Basis einer Beziehungsfähigkeit.

A) PSYCHOTHERAPIE & BERATUNG

Vorträge

A1 Doris Fischer-Danzinger, Barbara Gawel Unterdrücktes Selbst-Sein (Demonstration)

Samstag, 01.05.2021, 14.30-15.10 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Es gibt viele Gründe dafür, sein Selbst-Sein nicht frei leben zu können. Etwa kann eine andauernde Unterdrückung der Lebendigkeit des Kindes durch nahe Bezugspersonen die Entfaltung des Eigenen unterdrücken. Symptombildungen wie Angst, Aggression, depressives Erleben, Selbstabwertung und Abwertung anderer können die unreife Brüchigkeit überformen.
Die Demonstration stellt dar, wie die Patientin existenzanalytisch angeleitet wird, wahrzunehmen, was in ihr ist, in einen inneren Dialog zu finden, Selbst-Verantwortung zu übernehmen und in ein authentisches Handeln zu kommen.

A2 Barbara Jöbstl Hysterie und Narzissmus im Lichte der „agilen Gesellschaft“

Samstag, 01.05.2021, 15.10-15.50 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Hysterie und Narzissmus sind charakterisiert durch Attribute wie Extraversion, Wirkung, Charme, Verführungskunst, Leistungsbereitschaft, Zielstrebigkeit, Tempo, Flexibilität, Multitasking Fähigkeit, Publikumswirksamkeit usw. Als Persönlichkeitseigenschaften stellen diese Ressourcen dar, die in unserer agilen Gesellschaft gerne gesehen werden. In der Ausprägung als Störungen des Selbst sind sie Leiden verursachend, da das Können, das in all diesen Eigenschaften liegt, einem unfreien psychodynamischen Müssen folgt.
In dem Beitrag werden Überlegungen angestellt, wie weit Genese und Aufrechterhaltung der Störungen des Selbst durch unsere „agile Gesellschaft“ befördert und begünstigt werden.

A3 Clemens Fartacek, Astrid Görtz, Silvia Längle Forschung und psychotherapeutische Praxis – wie geht das zusammen? Wie Forschung die existenzanalytische Praxis unterstützen kann

Samstag, 01.05.2021, 15.50-16.30 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Die Erforschung der freien Praxis ist für die Psychotherapieforschung bedeutsam, als sie die psychotherapeutische Arbeit dort untersucht, wo sie letztendlich wirksam werden soll. Das Mitwirken in der Forschung wird jedoch von vielen Psychotherapeut*innen als zusätzliche Belastung ohne direkten Nutzen für ihre Arbeit empfunden. Hier sollen drei Forschungsansätze vorgestellt werden, und zwar hinsichtlich des Vorteils, den die Psychotherapeut*innen durch das Mitwirken in der Forschung erhalten. So werden die phänomenologisch-hermeneutische Analyse, die qualitative Einzelfallforschung und das idiographische Prozessmonitoring in ihrem Wert für die Qualität des praktischen therapeutischen Arbeitens skizziert.

A4 Markus Angermayr Sich selber wählen – Selbstsein als Prozess Aus der körperorientierten Perspektive des Existenziellen Groundings (Demonstration)

Samstag, 01.05.2021, 17.00-17.40 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Kierkegaard betont die Selbstwahl bzw. Stellungnahme als unabdingbar für das eigene Leben. Das Selbst ist ein lebendiges Verhältnis, explizit auch zum körperleiblichen Sein. Hier kommt das Existenzielle Grounding als eine spezifisch existenzanalytische Methode ins Spiel. Sie ist eine achtsame phänomenologische Form von körperpsychotherapeutischer Arbeit und öffnet den Weg zum „eingefleischten“ Selbst. Im Erleben von „Ich bin“ und im „Sich-in-Empfang-Nehmen“ kann sich der nächste Schritt wie von selbst zeigen. Eine Demonstration verdeutlicht diesen Zugang. Grundlage des Vorgehens bildet eine poetisch-mäeutische Haltung im Blick auf lebendige Prozesse.

A5 Elisabeth Petrow Macht Krankheit authentisch(er)?

Samstag, 01.05.2021, 17.40-18.20 Uhr, Plenarsaal (Audimax)

Mitunter wird kolportiert, Krankheit sei eine „Chance“, um authentischer zu werden.
Eine sterbenskranke Frau sagte: „Ich war noch nie so sehr ich selbst.“ Dagegen konstatierte eine junge Frau mit einer Krebserkrankung: „Was mir am meisten fehlt, bin ich. Ich habe mich verloren. Ich bin mir fremd“. – Zwei konträre Perspektiven, die das komplexe Verhältnis von Authentizität und Krankheit nur andeuten. Im Vortrag wird es um die unzähligen kleinen Schritte gehen, die bei lebensverändernder Krankheit weder geradlinig noch kontinuierlich von der bangen Frage: „Bin das wirklich ich?“ – vielleicht – zu mehr Authentizität führen. Und um den Mut, den es dafür braucht.

B) GESELLSCHAFT

Organisation: Thomas Herzog, Claudia Reitinger

Vorträge

B1 Emmanuel Bauer Personale Inkarnation des Ich im Selbst

Samstag, 01.05.2021, 14.30-15.10 Uhr, BIG

Das Ich bleibt ein leeres formales Konstrukt (transzendentales Ich bei Kant) oder eine isolierte egozentrische Monade, bestenfalls narzisstisches Subjekt, solange es nicht zum Ich-Selbst wird. Als Selbst wird das Ich quasi „Fleisch“, es gewinnt personale Struktur und Wirklichkeit. Denn erst als sozial vernetztes Selbst kann die Person zum Ort von Sinn und Erfüllung werden. Der Vortrag will die personal-dialogische Innenstruktur des Ich-Selbst beleuchten und die spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten seiner sozialen Verankerung unter den Bedingungen der heutigen Gesellschaft.

B2 Helmut Dorra Eigentlich leben Sich selbst erkennen und vertreten im Mitsein der Menschen

Samstag, 01.05.2021, 15.10-15.50 Uhr, BIG

Unser menschliches Dasein bedeutet wesentlich Mitsein und Miteinandersein in einer gemeinsamen Welt, die uns im Allgemeinen vertraut geworden ist. Im umgänglichen Arrangement unserer alltäglichen Konventionen sind wir zunächst und zumeist vom umfassenden Reglement einer unbestimmten Öffentlichkeit geleitet, die uns vom eigenen Selbst-sein entlastet. Wir sind jedoch nicht in der Lage, unser Dasein an andere zu delegieren. Jeder ist sich selbst gegeben und aufgegeben, sein je einmaliges Leben zu führen, sich selbst zu vertreten und eigenverantwortlich zu handeln.

B3 Daniel Scheyer Der Terror der Authentizität Über die Austreibung des Anderen und den Zwang narzisstischer Selbstproduktion

Samstag, 01.05.2021, 15.50-16.30 Uhr, BIG

Der aus Südkorea stammende und in Deutschland lebende Philosoph Byung-Chul Han ist bekannt für seine scharfe Analyse und Kritik gesellschaftlicher Phänomene. So verstärke der derzeit vorherrschende Zwang zur Pseudo-Authentizität den narzisstischen Selbstbezug des Einzelnen. Der Terror der Authentizität als neoliberale Produktionsund Konsumform führe letztlich zur Austreibung der Andersheit. Die Folge: vereinsamte Individuen, die im verzweifelten Versuch, sich selbst zu produzieren, innerlich ins Leere laufen. Neben der Vorstellung zentraler Thesen Han’s wird versucht aus Sicht der Existenzanalyse Antworten zur Bewältigung der angeführten gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu finden.

B4 Cristina Bacher-Rieger Darf ich so sein, wie ich bin? Die komplexen Anforderungen an jeden von uns in der modernen Gesellschaft

Samstag, 01.05.2021, 17.00-17.40 Uhr, BIG

Unsere liberale Demokratie gründet auf dem Prinzip der Freiheit und Verantwortung seiner Bürger; der Staat soll bloß den schützenden Rahmen für deren Entfaltung bieten. Viele Menschen fühlen sich heute jedoch dadurch ethisch überfordert, nicht gesehen und überrollt. Eine Entfremdung zwischen Individuen, Gesellschaft und Politik ist spürbar. Der Beitrag geht der Frage nach, ob Existenzanalyse, basierend auf der dynamischen Beziehung zu sich selbst und zur Welt, gerade hier, indem sie zu einer authentischen Stellungnahme gegenüber dem eigenen Tun verhelfen will, einen stimmigen und offenen Umgang mit Freiheit und Verantwortung fördert und somit auch einen politisch relevanten Beitrag leistet.

B5 Beatrix Selih Ein Einblick in das Wertesystem, die Zukunftsvorstellungen und die Herausforderungen von Jugendlichen der Generation Z

Samstag, 01.05.2021, 17.40-18.20 Uhr, BIG

In diesem Vortrag wird, unterstützt durch Statements, in denen Jugendliche selbst zu Wort kommen, ein Überblick geschaffen, was jungen Menschen in ihrem Leben heute und für ihre Zukunft als wichtig erscheint. Wie geht es jungen Menschen und nach welchen Werten orientieren sie sich? Dazu werden Sichtweisen der erwachsenen Gesellschaft (Gesetzgebung, Politik, Medien, Konzerne) auf Jugendliche erörtert und das Spannungsfeld zwischen Rechten, Pflichten, Schutz und Beeinflussung eröffnet und diskutiert. Hier wird zudem auf die Sichtweisen, die Erfahrungen und auf mögliche Veränderungen in Bezug auf die Ausnahmesituation im Rahmen der Covid 19 Pandemie näher eingegangen.