ABSTRACTS PLENARVORTRÄGE

V1 Ingo Zirks Formen des Miteinanderseins Vom Small Talk zum „Magic Touch“

Freitag, 29.04.2022, 14.20–15.05 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Menschliches Miteinandersein kann in vielerlei Weise beschrieben werden. Ein einheitlicher Sprachgebrauch zur Beschreibung der Beziehungsmöglichkeiten hat sich bisher nicht ergeben. Die Existenzanalyse nutzt eine präzise Terminologie, um durch eine spezifische Art und Weise des Miteinanders das Berührtwerden, den Magic Touch, die personale Begegnung zu erleichtern. Eine personale Begegnung ermöglicht Veränderungsprozesse in existenzieller Hinsicht. In diesem Vortrag werden verschiedene Weisen des Miteinanderseins beschrieben und durch Beispiele aus der Psychotherapie und dem alltäglichen mitmenschlichen Umgang untermalt.

V2 Joachim Bauer Von der Du-Bezogenheit des menschlichen Selbst

Joachim Bauer Freitag, 29.04.2022, 15.05–15.50 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die Entdeckung der neurobiologischen «Selbst-Systeme» («Self Networks») gehört zu den noch jungen Erkenntnisses der modernen Neurowissenschaft. Das Kleinkind erwirbt sein «Selbst» durch Resonanzen, mit denen Bezugspersonen auf sein Da-Sein reagieren. Zwischenmenschliche Rückspiegelungen haben zeitlebens einen das «Selbst» weiter mit-gestaltenden, Einfluss. Das Selbst beheimatet nicht nur unsere Selbst-Gewissheit, sondern auch die Grundhaltungen und Werte, von denen wir zutiefst überzeugt sind. Eine Sinn-geleitete Grundhaltung hat, wie neueste Untersuchungen zeigen, günstige Auswirkungen auf die Aktivität gesundheitsrelevanter Gene (siehe Joachim Bauer: Das empathische Gen, Herder Verlag 2021).

V3 Helmut Dorra Existenz im Gegenüber Selbstbesinnung im begegnenden Dialog

Freitag, 29.04.2022, 16.30–17.15 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Kein Mensch lebt für sich allein. Wir befinden uns in Beziehungen zu anderen Menschen in der Familie, im Beruf, unter Freunden, in der Nachbarschaft und wo immer wir in einer gemeinsamen Lebenswelt miteinander zu tun haben und zusammenwirken. Bevor wir „Ich“ sagen konnten, wurden wir beim Namen gerufen und mit einem „Du“ angeredet, gleichsam von der Gegenseite her uns selbst gegeben und mit uns vertraut. Immer schon sind wir auf ein Gegenüber angewiesen, das es uns ermöglicht, uns selbst zu erkennen und Eigenes zu bekunden. Vom anderen her führt der Weg zum einzelnen Selbst. Hier finden wir in einer dialogischen Gemeinschaft unsere Existenz auf ein Mitsein und Miteinandersein zentriert, das sich im Gegenüber existentieller Begegnung ereignet, bewahrheitet und bewährt. Gegenwärtig kommen wir uns zuwendend wie auch widerstehend ent-gegen, aus unterschiedlichen Richtungen und jeder einzelne von seiner Seite mit seinen je eigenen Erlebensweisen, Beweggründen und Wertbezügen, die jedem Menschen in seinem Eigensein und Anderssein Respekt abverlangen. Eine so gemeinte dialogische Beziehungsweise ermöglicht ein Gemeinschaftserleben der Menschen, indem Selbstsein und Freiheit des Einzelnen sich in einer fragenden Verbundenheit verwirklichen. Mithin mag uns widerfahren, dass der andere uns fragend und konfrontierend entgegen oder in die Quere kommt, damit wir im Gewohnten anhalten und innehalten, zu bedenken, woraufhin wir unser Dasein ausrichten sollen. Auf diese Weise können Begegnungen eine befreiende Wendung und weiterführende Entwicklung im Leben bewirken und somit existentielle Bedeutung gewinnen.

V4 Ulrike Willutzki Ohne Heiler*innen geht es nicht! Zur professionellen Entwicklung von Psychotherapeut*innen und ihrer Bedeutung für das therapeutische Geschehen

Freitag, 29.04.2022, 17.15–18.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die aktuelle Forschung zur Bedeutung von Psychotherapeut*innen zeigt sehr deutlich, dass es prägnante Unterschiede zwischen Therapeut*innen hinsichtlich des Therapieergebnisses und -prozesses ihrer Patient*innen gibt. Im Beitrag wird ein Überblick über die aktuelle Diskussion zu relevanten Personen- und Ausbildungsmerkmalen von Psychotherapeut*innen gegeben. Auf Grundlage der Internationalen longitudinalen Studie zur professionellen Entwicklung von Psychotherapeut*innen der Society of Psychotherapy Research werden die professionelle Entwicklung von Therapeut*innen im Rahmen ihrer Psychotherapie nachgezeichnet und Faktoren herausgearbeitet, die aus Sicht der Ausbildungsteilnehmer*innen für günstige bzw. ungünstige Entwicklungsprozesse relevant sind.

V5 Alfried Längle Die existenzielle Wirkung in der Therapie Grundlagen und Elemente

Samstag, 30.04.2022, 09.05–09.50 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die Wichtigkeit der therapeutischen Beziehung als Grundlage erfolgreicher Therapie ist hinlänglich belegt. Doch warum kann die therapeutische Beziehung überhaupt eine solche Wirkung haben? Wie wirkt Beziehung? Sie dient zweifellos der Optimierung von Lernprozessen oder der Katharsis durch Übertragung und ihrer Bearbeitung usw. In der Existenzanalyse stellt sich die Frage, welche Rolle die Person im Beziehungsgeschehen spielt. Dabei wird deutlich, dass der Beziehungsbegriff zur Belegung der therapeutischen Wirkung nicht hinreicht, sondern der Ergänzung durch den Begegnungsbegriff bedarf. Was aber ist der spezifische Beitrag der Begegnung? Der Vortrag beleuchtet die heilsamen Kräfte und das positiv Bewegende in der Therapie, sodass es zu einer existenziellen Wirkung im therapeutischen Prozess kommen kann. Was steuern die Therapeut*innen, was die Patient*innen und was das Miteinander zu dem bewegenden Geschehen der Personierung in den Patient*innen bei? Die grundlegenden Reflexionen sollen anhand von praktischen Situationen verdeutlicht werden.

V6 Susanne Pointner Funkstille und Funkenflug Die Bedeutung der personalen Begegnung für eine lebendige Paarbeziehung

Samstag, 30.04.2022, 9.50–10.35 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Während der Coronakrise wurden die Lockdowns zum Brennglas für Beziehungen. Das ins Heim verlagerte Streben nach Glück führte zu Entwicklungsschüben oder zu Trennungen. Leibliche Nähe, hohe Erwartungen aneinander, die Abstimmung der Funktionalitäten in einer schnelllebigen, wenig vorhersehbaren Lebenswelt lassen dem Paar wenig Raum für das Verweilen, Verstehen und Trösten, für das Entdecken, das Lachen und die Sinnlichkeit. Um den Schmerz über den Verlust an Intimität zu unterdrücken, suchen die Partner oft Fluchtwege aus der Beziehung – destruktive Konfliktlösestrategien, Rückzug, Überregulation, Sucht, Affären. Die Ressourcen werden knapper, das Paar gerät in den Teufelskreis. Die Paare ahnen meist selbst, was sie – mehr noch der Partner/die Partnerin – verändern müssten, haben aber nicht mehr die Motivation und Energie dazu. Existenzanalytische Therapie und Beratung zielt daher nicht auf Lösungen ab, sondern schafft Raum für Erkenntnis, Begegnung, Haltungsveränderung und gemeinsame Entwicklung. Damit wird die Liebe beflügelt, und scheinbar unlösbare Differenzen können zu Resilienz fördernden und sinnstiftenden Kraftquellen werden.

V7 Erika Luginbühl-Schwab Bist Du da(s)? Von der Unsicherheit im Gewahrwerden des Du

Samstag, 30.04.2022, 11.05–11.40 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Wir Menschen sind auf Beziehung angewiesen, wir brauchen einander. Ohne Austausch, ohne gegenseitige Unterstützung könnten wir nicht überleben, das Leben bliebe kalt, einsam, leer und sinnlos. Als geistige Wesen, als Person, suchen wir insbesondere den offenen, dialogischen Austausch mit dem Du, in welchem der Funke überspringt und Begegnung geschehen kann.
Begegnung ist der Resonanzraum, in welchem wir des Eigenen gewahr werden können sowie der Nährboden für innerliches Wachstum. In beraterischen und therapeutischen Gesprächen intendieren wir die Begegnung mit dem Du des Gegenübers, denn das Du, die Person, ist Quelle der Authentizität und Ressource im Umgang mit Belastungen. Was aber erleben wir im Austausch mit unseren Patientinnen und Patienten?
Woran merken wir, dass wir mit dem Du in Begegnung sind, oder woran merken wir, dass uns das Du verschlossen bleibt? Anhand von Beispielen aus der Praxis möchte ich diesen Fragen nachgehen.

V8 Gunther Schmidt Klient*innen als Kontext-kluge „Vorgesetzte“ im Therapie-Prozess Kompetenz-aktivierende Begegnungen mit Würde in der systemischen und hypnosystemischen Therapie

Samstag, 30.04.2022, 11.40–12.25 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Aus systemischer Sicht kann individuelles Erleben und Verhalten nur verstanden werden, wenn es in seinen relevanten Kontext eingebettet wird. Dann können auch massive Symptome und Probleme meist als sinnvolle Lösungsversuche in ihrem Kontext gewürdigt und genutzt werden. Mit hypnosystemischen Konzepten kann darüber hinaus gezeigt werden, dass auch bei langen und sehr leidvollen Problemen die Betroffenen in ihrem unbewussten Erfahrungsrepertoire durchaus schon über hilfreiche Kompetenzen für konstruktive Lösungen verfügen. Vermittelt wird, wie diese „schlummernden“ Kompetenzen gefunden und reaktiviert werden können und wie auch Beiträge von Klient*innen, die oft von Therapeut*innen als „schwierig“ oder pathologisch definiert werden, so genutzt werden können, dass die Klient*innen dabei als die autonomen Autoritäten mit intuitiver Klugheit die Führenden im Therapieprozess sind, um mit Würde die für sie passenden Entwicklungen zu gestalten.

V9 Christoph Kolbe Existenzielle Kommunikation Merkmale phänomenologischer Gesprächsführung

Sonntag, 01.05.2022, 9.05–9.50 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Psychotherapeutische und beraterische Gespräche haben zum Ziel, dass sich Menschen verstehen und Erkenntnisse gewinnen, die sie dann in Handlungen oder Haltungen umsetzen. Zu einer Erkenntnis gelangen wir aber nur, wenn uns etwas unmittelbar angeht, es bedeutungsvoll für uns ist, weil es existenzielle Relevanz hat. Wie kann es also gelingen, Gespräche im Horizont dieser Relevanz zu führen? Im Vortrag werden wesentliche Bedingungen für existenzielle Kommunikation dargelegt: das Erleben, das Bewegende und der Bedeutungsgehalt. Es werden Schritte beschrieben, wie Wesentliches in einem phänomenologischen Prozess durch den Gesprächsführenden erfasst werden kann. Und es wird gezeigt, wie dieses durch Anfragen erschlossen werden kann bei gleichzeitiger Wahrung einer Haltung der Offenheit, ohne Deutung oder Suggestion – eine Gesprächsführung, die Begegnung zwischen Menschen und am Thema stiftet, um Erkenntnis zu ermöglichen.

V10 Heiner Keupp Ambiguitätstoleranz statt identitärer Reinheit in einer widersprüchlichen Welt

Sonntag, 01.05.2022, 9.50–10.35 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Wenn wir den Zustand in diesem Land charakterisieren sollten, dann fallen Adjektive wie reich, saturiert, selbstzufrieden, tolerant, aber auch gespalten, wütend, arm, fremdenfeindlich, mutlos, erschöpft. Wir haben längst begriffen, dass man den gesellschaftlichen Zustand Deutschlands nicht ohne Widersprüche und Ambivalenzen beschreiben kann. Widersprüche gab es immer, für die wir Begriffe wie Klassengesellschaft oder den Ost-West-Konflikt hatten. Doch die binären Ordnungen taugen in einer Welt nicht mehr, die von einer Unübersichtlichkeit gekennzeichnet ist. Die Chance auf eine dauerhaft stabile und widerspruchsfreie Identität können nur fundamentalistische Weltdeutungen versprechen und deshalb haben diese auch eine bedrohliche Attraktivität. In einer von Widersprüchen gekennzeichneten Welt brauchen wir ein Potential an „Ambiguitätstoleranz“.

V11 Steffen Glathe En skrift i snøen – Eine Schrift im Schnee

Sonntag, 01.05.2022, 11.15–12.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Kennzeichnend für die existenzanalytische Vorgehensweise ist die Haltung einer phänomenologisch-hermeneutischen Offenheit: Als Unwissende gehen wir in Richtung Begegnung, in der Gewissheit, dass sich Wesentliches zeigen wird. Dieser Vortrag, der eine Annäherung an das existenzielle Moment der Begegnung versucht, möchte Sie einladen, sich auf Begegnungen einzulassen: Mit einem Menschen, von dem ich erzähle, mit dem Referenten und vielleicht mit sich selbst. Bergen wir Fundstücke auf dem Grund unseres Erlebens und bedenken sie unterwegs auf das Spezifische des existenzanalytischen Ansatzes hin.

V12 Hartmut Rosa Unverfügbarkeit und Responsivität Begegnung im Modus des Mediopassiv

Sonntag, 01.05.2022, 12.00–12.45 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Die moderne Gesellschaft zielt auf die Ausweitung der Horizonte des Verfügbaren, das heißt des Wissbaren, Erreichbaren, Beherrschbaren, Nutzbaren und Kontrollierbaren. Sie ist strukturell auf eine derartige Form der Weltbeziehung angewiesen, wobei sie die motivationale Energie aus den kulturellen Idealen der Autonomie und der Souveränität bezieht. Diese strukturelle und kulturelle Formation führt aber zu einem „aggressiven“ Weltverhältnis, das sein Versprechen nicht einlöst: Die verfügbar gemachte Welt erweist sich am Ende gerade nicht als „domestiziert“, sondern als bedroht und bedrohlich zugleich. Der Vortrag untersucht demgegenüber die Möglichkeit, die Form und die Grenzen eines alternativen Weltverhältnisses, das sich als eine „mediopassive“ Weltbeziehung beschreiben lässt. Diese sucht die Erfahrung von Lebendigkeit und von Selbstwirksamkeit gerade nicht in den Formen der Beherrschung und Kontrolle,
sondern in einer Verbindung, welche die prinzipielle Unverfügbarkeit des Gegenübers als konstitutiv für gelingendes Leben und als Ausgangspunkt für die Entstehung des Neuen begreift.

A) PSYCHOTHERAPIE

Vorträge

A1 Viktoriya Zabor Existenzanalyse im stationären Bereich – ein Erfahrungsbericht

Samstag, 30.04.2022, 13.00–13.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Gewöhnlich basieren Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen auf einem biopsychosozialen Mehrachsenmodell, das drei Ebenen (Dimensionen) – eine somatische, eine psychologische sowie eine soziale – berücksichtigt. In der Realität der gegenwärtigen Ukraine, insbesondere im Zusammenhang mit der sozialen Krise, wäre es jedoch äußerst aktuell, auch eine vierte, die geistige, existenzielle Dimension zu berücksichtigen.
Im Vortrag werden die Studienergebnisse zur existenziellen Erfüllung und zu den Grundmotivationen mit Hilfe der psychometrischen Methoden der Existenzanalyse und Logotherapie (Existenzskala von A. Längle, K. Orgler und Test zur existenziellen Motivation von A. Längle, P. Eckhardt) vor und nach der Durchführung einer kurzfristigen stationären Psychotherapie (15 Sitzungen) bei den Patient*innen der klinischen Abteilung des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Nationalen Medizinischen Danylo-Halyzkyj-Universität Lwiw vorgestellt. Es wird gezeigt, inwiefern die existenzanalytische Psychotherapie in diesem Kontext angewandt werden kann und welchen Einfluss sie auf den psychischen Zustand der Patient*innen hat.

A2 Barbara Gawel Zeit hat man (nicht) Subjektive Zeitwahrnehmung und ihr Einfluss auf Beziehung

Samstag, 30.04.2022, 13.30–14.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Jeder von uns verfügt über gleich viel Zeit pro Tag. Warum leiden wir dann immer wieder unter Zeitmangel oder Zeitverlust? Was bedeutet dieser Mangel an Zeit für den Einzelnen und seine Umwelt? Im Sinne der existenziellen Vorfindlichkeit steht der Mensch in Beziehung mit sich und der Welt. Wenn Zeit der Türöffner für Nähe und Beziehung ist, aber auch der Raum, in dem die eigene Vitalität spürbar und die Werthaftigkeit erlebbar werden, wie macht sich diese subjektiv empfundene Verknappung von Zeit existenziell bemerkbar? Welche Auswirkungen hat dieses Zeitempfinden auf die Person, auf den dialogischen Austausch und auf die Möglichkeit, zu einer Stellungnahme zu kommen? Diesen Fragen soll anhand von Überlegungen, Studien und Beispielen nachgegangen werden.

A3 René Hefti Spiritualität und Religiosität im therapeutischen Prozess Vom existenziellen zum spirituell-religiösen Moment in der therapeutischen Begegnung

Samstag, 30.04.2022, 14.00–14.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Spiritualität kann als „Tiefendimension“ in der Psychotherapie verstanden werden, welche den Menschen in seiner Ganzheit und seinen existenziellen Bezügen erfasst. In diesem Sinne erschließt die Existenzanalyse spirituelle Ressourcen der Person und der Existenz. Religiosität greift über die existenzielle Dimension hinaus und nimmt Bezug auf Transzendenz. Anhand konkreter Beispiele aus dem klinischen Alltag wird die Bedeutung von Religiosität und Spiritualität im therapeutischen Prozess diskutiert und der Einfluss auf die therapeutische Beziehung reflektiert. Findet hier eine Akzentverschiebung von einem existenziellen zu einem spirituell-religiösen Berührtsein statt? Beeinflusst dies den Therapieverlauf und das Therapieergebnis?

A4 Brigitte Ambühl Braun Wenn der Funke überspringt Beziehungsgestaltung bei betagten Menschen

Samstag, 30.04.2022, 15.00–15.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Therapie mit hochbetagten Menschen basiert auf einer Beziehungsform mit dem Schwerpunkt Sinnfindung und Lebensfreude. Statt Defizite und Leiden zu thematisieren ist es möglich, den Dialog so zu gestalten, dass aktiv sein und sich eine Perspektive zu schaffen möglich werden. Es gilt auch, ein ehrenvolles Altwerden und Altsein zu finden, dies mit der gebührenden Wertschätzung und Achtsamkeit im alltäglich Kleinen. Kultur, Philosophie und Existenzanalyse geben Inputs, wie gutes Altern und eine Basis für den Zugang zur Person/Persönlichkeit des Gegenübers möglich sind.

A5 Dorothea Hefti Personale Begegnung in der frauenärztlichen Sprechstunde

Samstag, 30.04.2022, 15.30–16.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Im Rahmen der frauenärztlichen Betreuung gibt es viele Themen, die ein existenzielles Berührtsein beinhalten können, wie Sexualität, Gebären, Mutterwerden und Muttersein, Wechseljahre oder den Erhalt einer Carcinom-Diagnose. Aber selbst im Setting der Screening-Untersuchung entsteht oft Raum für eine personale Offenheit und Authentizität, die berührt. Anhand eigener Erfahrungen aus meiner Sprechstunde sollen die Voraussetzungen für eine Arzt-Patientinnen-Beziehung reflektiert werden, in der es zu einer existenziellen Begegnung kommen kann.

A6 Sabine Dungl-Nemetz … bin ich eine Mutter?

Samstag, 30.04.2022, 16.00–16.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Diese Frage begegnet mir in meiner Praxis, wenn Mütter ihre Kinder durch einen ungewollten Schwangerschaftsabbruch (Fehl- / Todgeburt) oder frühen Todesfall verlieren. Wie mit einer Beziehung umgehen, die es „real“ nicht gibt, weil die Kinder noch nicht oder zu kurz in der Welt waren? Mit dem ersten Herzschlag entsteht Beziehung, eine, die für die Umwelt unsichtbar ist, doch für die werdende Mutter von Tag zu Tag spürbarer wird, ein Funke, der überspringt: „Leben, mein Kind, wächst in mir“. Die Schwangerschaft, der Beziehungsaufbau mit dem Ungeborenen, eine Zeit, die auf den vier Grundmotivationen eine Veränderung bringt. Doch dann passiert das Unfassbare, eine Erschütterung der Existenz, der Verlust des Kindes. In diesem Vortrag werden ausgehend von den vier Grundmotivationen und anhand eines Fallbeispiels die Möglichkeiten der psychotherapeutischen Bearbeitung aufgezeigt.

A7 Knut Fiedler „Ich komme zu Ihnen, weil meine Frau findet, ich saufe zu viel!“ Begegnung in Beratung und Psychotherapie bei Menschen mit einer Suchterkrankung

Samstag, 30.04.2022, 17.00–17.30 Uhr, KR2

Menschen mit einer Suchterkrankung haben oftmals eine längere Leidensgeschichte hinter sich, bevor sie sich professionelle Hilfe suchen. Der erste Kontakt zwischen dem/r Klient*in und der Fachperson sowie ein gelingender Beziehungsaufbau sind oftmals entscheidend, ob die Klient*innen wiederkommen. Im Wesentlichen geht es darum, dass sie sich wertgeschätzt, mit ihrer gesamten Lebensthematik gesehen und sich nicht auf ihre Sucht reduziert fühlen. Die Voraussetzung eines gelingenden Beziehungsaufbaus ist die persönliche Begegnung. Die vier Grundmotivationen mit Vertrauen, Zuwendung, Wertschätzung und Sinn schaffen den Rahmen, in dem dies möglich wird

Workshops

A10 Irina Ryazanova Bodywork in couples therapy – a way to improve dialogue capability

Samstag, 30.04.2022, 13.00–14.30 Uhr, L2

A disturbed dialogue is the common reason for conflicts between partners in a couple. The rehabilitation of a good way of communication between their bodies can lead to a good dynamic in couple therapy. In this workshop various methods of integrative work with the body will be demonstrated. The participants will experience how these methods raise awareness in the dialogue.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 20 Personen

A11 Ruth Meidinger, Anita Artens „Wie werde ich ihn los in der ersten Sitzung?“ Zehn Kardinalfehler im Erstgespräch

Samstag, 30.04.2022, 15.00–16.30 Uhr, KR10

Das Erstgespräch ist essenziell für den therapeutischen Beziehungsaufbau. Danach entscheidet der/die Patient*in, ob er/sie die Therapie weiterführt. Bereits ein Anrufbeantworter ohne persönliche Ansage, oder mehrere Tage Wartezeit bis der Rückruf des/r Therapeut*in erfolgt, können Irritation auslösen und die Therapiemotivation mindern. Grenzüberschreitendes Verhalten des/r Therapeut*in oder der Mangel an Wertschätzung führen häufig zum schnellen Therapieabbruch. Wie gelingt der Anstoß zu einer stabilen, auf Vertrauen basierenden Beziehung zwischen Therapeut*innen und Patient*innen, sodass diese sich auf die Beratung oder die Therapie einlassen? In diesem Workshop sollen potenzielle Fehlerquellen im Erstgespräch auf humorvolle Weise in Form einer paradoxen Herangehensweise erarbeitet werden.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 20 Personen

A12 Mariola Niedzielska-Wagener, Stefan Wagener Auf Flügeln des Gesanges Die Bedeutung der Stimme und der Musik für die existenzanalytische Arbeit

Samstag, 30.04.2022, 17.00–18.30 Uhr, KR10

Der menschliche Gesang ermöglicht durch Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz einen direkten Zugang zum Personsein. Singen erfasst den ganzen Menschen in seiner leiblichen, seelischen und geistigen Trinität und ist ein existenzielles Phänomen. Singen fordert Begegnung und Beziehung und findet konkret im Hier und Jetzt statt. Im Workshop werden aus unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen Einzel- und Gruppenübungen angeboten, die das Verhältnis zwischen Beziehung und Stimmklang ausloten.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 20 Personen

B) BERATUNG

Organisation: Tobias Jahn

Vorträge

B1 Rahel Dorra Wenn’s nicht mehr funkt-ioniert Kurzzeitberatung in einer pneumologischen und gynäkologisch-onkologischen Rehabilitationsklinik

Samstag, 30.04.2022, 15.00–15.30 Uhr, KR9

Beratung in der stationären Rehabilitation von Asthma/COPD, Sarkoidose und Krebs ist Teil einer ganzheitlich verstandenen Gesundheitsbildung. In nur drei, vier Gesprächen das Wesentliche zu erkennen, fordert heraus. Immer wieder zeigen sich funktionale Überzeugungen und latente Leistungsansprüche, die bei der Krankheitsentwicklung mitwirken könnten, Stress begünstigen und das Chronifizierungsrisiko erhöhen. Jene erschweren die Begegnung mit sich selbst. Gemeinsam sollen nun mögliche Wege zu stimmigen Antworten auf die Frage „Wie kann es wieder funken in meinem Leben bzw. in der Beziehung zu mir selbst?“ erforscht werden. Erfahrungen aus dieser Arbeit werden im Vortrag reflektiert.

B2 Claudius Doehring Das (haus-)ärztliche Seelsorgen Die Beziehung zwischen Hausarzt und Patient*in aus existenzanalytischer Sicht

Samstag, 30.04.2022, 15.30–16.00 Uhr, KR9

Die oft langjährige Begleitung von Menschen konfrontiert den Hausarzt häufig auch mit den generellen Lebensumständen und -fragen seiner Patient*innen „in guten, wie in schlechten Zeiten“. Er wird seinen Patient*innen selten durch das pauschale Abarbeiten von Leitlinien gerecht, fast immer ist ein ganz individuelles Abstimmen der jeweils gewünschten Vorgehensweise erforderlich. Die existenzanalytische Haltung kann jede noch so kurze Begegnung von Hausarzt zu Patient*in enorm bereichern und für beide Seiten zu einem zufriedenstellenden Ergebnis führen. Diese Beziehung mit ihren Möglichkeiten und Limitationen soll im Vortrag näher betrachtet werden.

B3 Eva Richter Lilly allein zu Hause Existenzielle Begegnung durch Elternberatung

Samstag, 30.04.2022, 16.00–16.30 Uhr, KR9

Im Erstgespräch berichten Lillys Eltern von Angstzuständen und depressiver Symptomatik bei ihrer zwölfjährigen Tochter. Außerdem fühle sie sich beobachtet und glaube manchmal, es wären weitere Personen mit im Raum anwesend. Das Mädchen beginnt eine Psychotherapie, die Eltern eine begleitende Beratung. Existenzielle Begegnung findet in beiden Settings statt, Veränderung wird in der Familie möglich. Mithilfe des Fallbeispiels sollen die Bedeutung der, eine Kinder- und Jugendtherapie begleitenden Elternberatung reflektiert und die Faktoren, die hilfreich für gute Begegnungen in Therapie und Beratung sein können, herausgearbeitet werden

B4 Birgitta Mullan Ein langer Weg zum Du Wie Begegnung in der Arbeit mit Behinderten möglich werden kann

Samstag, 30.04.2022, 17.00–17.30 Uhr, KR9

Seit über 25 Jahren führe ich Gespräche mit behinderten Menschen. Ich wohne in
einer Dorfgemeinschaft mit 80 behinderten Jugendlichen und Erwachsenen. Einmal
in der Woche gibt es „open door“ für Gespräche. Einige Hilfesuchende brauchen ein
Gespräch, um wieder weitermachen zu können, andere kommen seit über zehn Jahren
zu mir, weil sie auffällige Verhaltensweisen zeigen oder es zu emotional unverständlichen Ausbrüchen kommt. Anhand eines Beispiels aus meiner Praxis möchte ich von meinen Gesprächen mit einem behinderten, histrionisch veranlagten jungen Mädchen
berichten und erzählen, wie ein „Funke“ von mir zu ihr zu einer tiefen Begegnung
geführt und uns zu einer guten Beziehung gebracht hat.

B5 Martin Berwig Kleine Momente gelingender Begegnung bei Frontotemporaler Demenz mithilfe von MarteMeo

Samstag, 30.04.2022, 17.30–18.00 Uhr, KR9

Für Angehörige ist der Alltag mit Betroffenen der verhaltensbetonten Variante der Frontotemporalen Demenz (behaviour variant Frontotemporal Dementia, bvFTD) meist eine große Belastung. Anders als bei der Alzheimer-Demenz kommt es bei bvFTD als erstem und zentralem Symptom zum zunehmenden Verlust sozial-kognitiver Fähigkeiten. Daher ist es für Angehörige von Menschen mit bvFTD, ähnlich wie für Eltern von Kindern mit Autismus (nur unter anderen Vorzeichen), zunehmend schwer mit ihren Lieben in Kontakt und in Beziehung zu bleiben. In einer Machbarkeitsstudie am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Witten wurde erstmals die videobasierte Beratung nach MarteMeo® bei Angehörigen von Menschen mit bvFTD angewendet und systematisch untersucht. Ziel einer MarteMeo®-Beratung ist es die kleinen „existenziellen“ Momente gelingender Beziehung (MarteMeo®-Elemente) im gemeinsamen Alltag zu finden und zu stärken. Die Evaluation zeigte klare Hinweise dafür, dass die Beratungsmethode als sehr hilfreich und unterstützend von den Angehörigen wahrgenommen wird. Bezüge zum Verständnis des Existenziellen aus Sicht der Existenzanalyse werden reflektiert.

B6 Elisabeth Petrow (Selbst-sein-)Dürfen bei schwerer Erkrankung

Samstag, 30.04.2022, 18.00–18.30 Uhr, KR9

„Ich habe weder geweint, als ich die Krebsdiagnose bekam, noch, als sie Metastasen
fanden. Erst als mein Zahnarzt sagte, ich würde auch noch einen Zahn verlieren, habe
ich geweint. Über die Tränen war ich völlig schockiert. Wenn man weint, zeigt man
Schwäche, das darf man nicht.“ – Ausgehend von diesen Sätzen eines Klienten soll es
um die Frage gehen, in welchem Verhältnis „müssen“ und „dürfen“ in der Begegnung
mit schwerer Krankheit stehen. Welche Annahmen strahlen – vor dem Hintergrund
der normierenden Medizin und unserer vom Druck zur Selbstoptimierung geprägten
Gesellschaft – in dieses Spannungsfeld hinein? Und wie könnte man bei und trotz
Krankheit zum „(Selbst-sein-)Dürfen“ ermutigen?

Workshops

B10 Thomas Reichel Auswirkungen von Schicksalsmomenten auf nahe Beziehungen

Samstag, 30.04.2022, 13.00–14.30 Uhr, KR10

Als Folge von Schicksalsschlägen kann u. a. der Rückzug des Lebenspartners oder/ und des sozialen Umfeldes beobachtet werden. Ohnmacht, Wut, Verzweiflung zeigen sich in Empörung, ständigem Absichern, Einfordern von Hilfe. Betroffene kennen sich nicht aus, das Umfeld weiß nicht, wie es damit umgehen soll. Wann soll man helfen und wie? Die Verunsicherung ist spürbar, der Rückzug droht. Der Workshop richtet sich an Angehörige und Betroffene gleichermaßen wie an Lebensberater*innen und soll aufzeigen, wie personaler Dialog stattfinden und ein selbstbestimmter und würdevoller Umgang gefunden werden kann.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 30 Personen

C) PAAR & GRUPPE

Organisation: Susanne Pointner

Vorträge

C1 Marc Sattler Von Paarmythen und Paartänzen Eine Möglichkeit, Paardynamik sichtbar und therapeutisch wirksam werden zu lassen

Samstag, 30.04.2022, 13.00–13.45 Uhr, KR2

Unter dem Paarmythos wird das Geheimnisvolle, das Paare spürbar miteinander verbindet, verstanden. Er entsteht in der Phase der Paarwerdung und enthält sowohl psychodynamische Anteile als auch personale, visionäre Erkenntnisanteile, die auf Potenziale und Möglichkeiten ausgerichtet sind. Oft umfasst er auch generationenübergreifende Elemente. Die gemeinsamen Beziehungsthemen lassen einen polarisierten Spannungsbogen im Paarraum entstehen. Der Paarmythos bindet das Paar und kann Wachstum und Entwicklung fördern oder verhindern. Der Paartanz ist die gelebte Gestaltung der alltäglichen Herausforderungen auf Grundlage des Paarmythos. Er findet Anbindung an gemeinsame Werte, Visionen und das jeweils Wesenhafte und Freie. Damit stellt er die Transformation des (unbewussten) Paarmythos in die Alltagsdynamik dar. Je schwieriger sich diese „Übersetzung“ gestaltet, umso „kämpferischer“ wird der Tanz. Die Paare empfinden ihr Paarleben dann eher als Gegeneinander statt Miteinander. Wie Paare im Hinblick auf diese Dynamik existenzanalytisch begleitet werden können, soll anhand mythologischer und praxisbezogener Beispiele dargestellt werden.

C2 Eva Maria Berger Differenzierung in der Beziehung

Samstag, 30.04.2022, 13.45–14.30 Uhr, KR2

Die anfänglich berauschende Beziehung von Frischverliebten macht zutiefst glücklich. Das gemeinsame Erleben, Fühlen, Gestalten und Verschmelzen geht unter die Haut. Es ist ein Hochgefühl, jenen Teil im Anderen gefunden zu haben, der das Eigene ergänzt und intime Nähe erfahren lässt. So schön dieser Zustand auch empfunden wird, er ist nicht von bleibender Dauer. Spätestens nach ein paar Jahren treten eigene Bedürfnisse und Wertvorstellungen wieder vermehrt in den Mittelpunkt. Die eigenen Vorstellungen und Wünsche wollen erkannt, respektiert und beachtet werden. Das Aufeinanderprallen des sich jeweils zeigenden Eigenen kann die Partner*innen überfordern und scheint sich oft nur in der Auflösung der Beziehung Bahn brechen zu können. Diese Lösung ist aber für die Betroffenen nicht immer der lebens- und entwicklungsfördernde Weg. Als Psychotherapeut*innen und Lebensberater*innen suchen wir mit den Klient*innen im Einzel- und im Paarsetting Antworten auf die Frage, wie es gelingen kann, Differenzierung innerhalb der Beziehung zu leben. Wir unterstützten sie in der Kunst, in einer wertschätzenden verbindenden Beziehung das Eigene und Unterschiedliche gleichermaßen da sein zu lassen.

C3 Sabine Bösel, Roland Bösel Generationendialog Mutter/Vater begegnet einer erwachsenen Tochter oder einem erwachsenen Sohn auf Augenhöhe, um das eigene So-geworden-Sein zu verstehen und sich zu versöhnen

Samstag, 30.04.2022, 15.00–16.30 Uhr, KR2

Vor 20 Jahren wurde das schulenübergreifende psychotherapeutische Konzept des Generationendialogs beziehungsweise der Generationen-Workshop von uns entwickelt. Im Vortrag werden die Methode und das Konzept vorgestellt. Ein begleitetern Live-Dialog eines Generationspaares bietet erste Eindrücke, wie der gemeinsame Blick auf Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges gelingen kann. Der Generationendialog bietet die Möglichkeit, Verstrickungen aus der Vergangenheit aufzulösen, Verständnis füreinander zu ermöglichen und sich zu versöhnen. Er findet im geschützten Raum im Rahmen eines Workshops statt und wird von uns und von ausgebildeten Assistent*innen begleitet. Es besteht die Möglichkeit, Verletzungen und sogar Traumata offen anzusprechen und unmittelbar mit dem Vater, der Mutter oder dem erwachsenen Kind zu klären. Im Idealfall gelingt es, eine gemeinsame Lösung zu finden. Gleichzeitig fokussieren wir auf die besonderen Stärken, die aus diesen Verletzungen von beiden Seiten entwickelt wurden, und auf die Dankbarkeit für das, was sie Positives und Stärkendes mitbekommen haben. Damit werden neue Familientraditionen geschaffen und es wird der Raum für die persönliche Entwicklung und neue Beziehungsmuster, auch in anderem Kontext, geöffnet.

Workshops

C10 Bettina Kerschbaumer-Schramek, Peter Schramek Der unberührte (Natur)-Raum als berührender Begegnungsraum Die Kraft der „wilden“ Natur in der Begegnung der Menschen mit sich und anderen

Samstag, 30.04.2022, 17.00–18.30 Uhr, KR1

Über die heilende Wirkung der Natur in therapeutischen Prozessen wird aktuell viel diskutiert. Mit Waldbaden, Naturcoaching & Co. erleben wir Naturräume neuerdings als einen ernst zu nehmenden Faktor, wenn es darum geht, wichtige Fragen in der Beziehung mit sich selbst und anderen zu klären. Die Systemische Naturtherapie (begründet durch Astrid Habiba Kreszmeier und Hans-Peter Hufenus) geht hier noch weiter. Sie (wieder-)verbindet uns mit dem Raum, in dem wir leben – der lebendigen Natur. Das öffnet uns für Vertrauen und Versöhnung, ermutigt und stabilisiert uns und lehrt uns eine neue Form der Zugehörigkeit und Zuversicht. Sie findet im Einzel-, Paar- oder Gruppensetting statt. Dieser Workshop untersucht die Berührungspunkte zwischen Existenzanalyse und Systemischer Naturtherapie und stellt sich der Frage, wo die beiden Lehren einander bereichern können. Wir wollen dabei die Essenz der Systemischen Naturtherapie vermitteln, aber auch einige praktische Anwendungsbeispiele vorstellen.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 15 Personen

D) LEIBHAFTIG

Workshops

Organisation: Ingo Zirks, Markus Angermayr

D10 Ingo Zirks Scham – Hüterin meiner Grenzen

Samstag, 30.04.2022, 13.00–14.30 Uhr, L1

Das Schamerleben ist zutiefst leiblich erfahrbar: Hitze steigt auf und das Bedürfnis, sich zu verbergen, wächst enorm. Schon als Säugling gibt es Vorstufen der Scham. Mit dem Hineinwachsen in die Gemeinschaft und der Fähigkeit der Selbstwahrnehmung sehen wir uns (auch) mit den Augen der anderen und erleben uns Bewertungen ausgeliefert. Wenn in der Biografie Grenzen grob und/oder dauerhaft überschritten werden, kommt es zu seelischen Verletzungen, die leiblich wie seelisch immer wieder aktualisiert werden. Der Vortrag soll sowohl theoretisch wie auch praktisch erkunden, wie professionelle Situationen und Beziehungen gestaltet werden können, so dass es zu einer Begegnung kommen und das zu Beschützende in der Scham sichtbar werden kann. Es soll deutlich werden, dass Scham die Person vor unbefugter Entblößung schützt, so dass Verletzliches, Intimes und noch nicht Bereites geborgen bleiben können. Der Impulsvortrag wird ergänzt durch einen anschließenden Workshop. Ein späteres Dazukommen zur Gruppe ist nicht möglich. Die Bereitschaft, sich auf persönliche Inhalte einzulassen, ist für die Veranstaltung erwünscht.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 20 Personen

D11 Markus Angermayr, Doris Fischer-Danzinger Präreflexive Aspekte von Beziehung und Begegnung

Samstag, 30.04.2022, 15.00–16.30 Uhr, L1

Im therapeutischen Prozess sind wir in der Existenzanalyse sehr darauf bedacht, phänomenologisch das Gesagte des/r Patient*in zu heben, um es mit ihm/ihr gemeinsam letztendlich in seinem/ihrem Lebenskontext zu verstehen. Beide, ich als Therapeut*in und die/der Patient*in verständigen uns aber nicht nur über die Sprache, sondern auch über unseren Körper. Das schlichte körperliche Dasein ist immer mit dabei und rechnet sich meist völlig unbewusst hinein. Diese „Kommunikationssphäre“ – das Nachspüren körperleiblicher Resonanzen – wird in der Therapie aber eher vernachlässigt In unserem Workshop wollen wir uns dem körperleiblichen Erleben, so wie es uns im therapeutischen Prozess (und nicht nur dort) begegnet, widmen: Was nehmen wir auf dieser Begegnungsebene wahr? Wie können wir das Wahrgenommene in den therapeutischen Prozess integrieren?

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 30 Personen

D12 Markus Felder Achtsamkeit und Beziehung

Samstag, 30.04.2022, 17.00–18.30 Uhr, L1

Unter Achtsamkeit verstehe ich die Möglichkeit, ohne Bewertung im gegenwärtigen Moment verweilen zu können. Sie befähigt uns, uns unserer automatischen unreflektierten Muster bewusst zu werden. Wie schon Viktor Frankl sagte: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“
Im Rahmen dieses Workshops wollen wir uns den Implikationen von Achtsamkeit auf den Bereich der Beziehung widmen. Studien zufolge korreliert eine Zunahme von Achtsamkeit im Beziehungskontext unter anderem mit höheren Werten in den Bereichen Beziehungs-Zufriedenheit, Verbundenheit, emotionale Nähe, Akzeptanz des Gegenübers und Umgangsfähigkeit in Beziehungskonflikten. Neben dem Erarbeiten der Grundlagen und Wirkweisen von Achtsamkeit werden wir uns mit konkreten Übungen und den Gemeinsamkeiten zur Existenzanalyse beschäftigen.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 14 Personen

E) KINDER, JUGENDLICHE UND IHRE LEBENSWELTEN

Organisation: Birgit Adenbeck

Vorträge

E1 Andrea Engleder Alles im Zeichen der Ringe Beziehungen als Leistungsfaktor bei Nachwuchsleistungssportler*innen

Samstag, 30.04.2022, 13.00–13.30 Uhr, KR3/Live-Stream

„05.30 Uhr Früh rausgehen, minus 15 Grad Außentemperatur, fest eingepackt auf dem Weg in die Schwimmhalle, 6.00 bis 7.30 Uhr Training, Unterrichtsbeginn 08.00 Uhr.“ Die Lebenswelt von jugendlichen Leistungssportler*innen ist nicht mit jener von Teenagern der gleichen Altersgruppe zu vergleichen. Der Alltag ist geprägt von Disziplin, Trainingsplanung und Vorbereitung auf Wettkämpfe, Reisen, Erfolgserlebnissen, Enttäuschungen und auch Einsamkeit – insbesondere dann, wenn Jugendliche viele hunderte Kilometer von Zuhause entfernt in Sportleistungszentren leben und trainieren. Welche Beziehungen geben in solch einer Lebensrealität Halt? Beziehungsstiftend sind die Leidenschaft zur Sportart, die Trainer*innen und Betreuer*innen, Eltern, Lehrer*innen, Freund*innen, Trainingskolleg*innen und der Traum, Teil der „olympischen Familie“ zu werden. Im Vortrag wird besonderes Augenmerk auf das Beziehungsgefüge im Nachwuchsleistungssport gelegt, mit all seinen Ressourcen und Herausforderungen. Wie kann eine psychologische Unterstützung unter existenzanalytischer Perspektive gelingen, wenn mentale Stärke nicht gleichbedeutend mit mentaler Gesundheit ist? Wie können Jugendliche auf ihrem Weg unterstützt werden und im Moment des höchsten sportlichen Erfolgs oder Misserfolgs in Beziehung zu sich und ihrem Umfeld bleiben?

E2 Birgit Adenbeck „Sie spielen ja nur mit dem Kind.“ „Ja, das stimmt! Das Spiel in der Kinderpsychotherapie

Samstag, 30.04.2022, 13.30–14.00 Uhr, KR3/Live-Stream

In diesem Vortrag wird ausgeführt, wie Psychotherapeut*innen akzeptierte Spielgefährt*innen von Kindern werden können, ganz gleich, aus welchem Grund die Kinder zu uns kommen. Das Spiel, egal ob ein frei erfundenes Rollenspiel oder ein Regelspiel, ist in vielen Psychotherapien das wichtigste Element, wodurch uns Kinder zeigen, worunter sie leiden und auch, wo ihre Stärken und ihre Bedürfnisse liegen. Spielen ist heilsam, lebensnotwendig für Kinder und dient nicht (nur) dem Zweck, in Beziehung zu kommen – es ist viel mehr: die Kinder sprechen mit uns durch das Spiel. Nun liegt es an uns, diese Sprache verstehen zu lernen. Spielen ist Kinderpsychotherapie und erfordert von uns als Psychotherapeut*innen ein Dabei-Sein auf mehreren Ebenen: mit echter Spielfreude spielen, sich ganz auf das durch das Kind vorgegebene Spiel einlassen, den achtsamen Blick auf das Kind und den achtsamen Blick auf mich selbst im Spiel aufrechtzuhalten, um die Botschaft im Spiel zu entschlüsseln und um sie therapeutisch bearbeiten zu können. Das existenzielle Moment in der Beziehung zwischen Kind und Psychotherapeut*in auf der Spielebene wird begleitend durch kurze Beispiele anschaubar gemacht.

E3 Barbara Lagger „Was soll nur aus Kevin werden!?“ Beziehungsgestaltung in der Jugendlichenpsychotherapie durch das Spiel ins Rollen bringen

Samstag, 30.04.2022, 14.00–14.30 Uhr, KR3/Live-Stream

In der Schwellenphase zur Berufswelt suchen Jugendliche oder deren überforderte Eltern häufig Unterstützung durch Psychotherapeut*innen. Meist geht es aber um mehr als um eine berufliche Identitätskrise. Das Herausfordernde für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen ist auf der einen Seite die Umfeldarbeit und auf der anderen Seite, der Individualität der Person gerecht zu werden. In diesem Vortrag wird erläutert, wie Beziehungsgestaltung durch Spieltherapie sowie mit begleitender Elternarbeit stattgefunden hat. Es folgt eine Falldarstellung eines lehrstellensuchenden Jugendlichen mit ängstlich-depressiver Symptomatik und Selbstwertproblematik.

F) PÄDAGOGIK

Organisation: Esther Kohl

Vorträge

F1 Daniel Scheyer, Christian Kathan „Ich bin durch dich so ich“ Über die Bedeutung der pädagogischen Beziehungsgestaltung für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung

Samstag, 30.04.2022, 15.00–15.30 Uhr, KR3/Live-Stream

Eine gute Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung ist nicht nur eine grundlegende Voraussetzung für schulischen Lernerfolg, sie wirkt auch persönlichkeitsfördernd und hilft Kindern, mit belastenden Situationen besser umgehen zu können. Aus Sicht der existenziellen Pädagogik brauchen Kinder und Jugendliche für ihre Entwicklung vor allem ein authentisches Gegenüber, das in der Lage ist, Beziehungen personal zu gestalten. So widmet sich der vorliegende Beitrag insbesondere folgenden Fragestellungen: Welche Bedeutung hat die personale Beziehungsgestaltung im pädagogischen Prozess, und durch welche Grundmomente wird diese Beziehung charakterisiert? Wie gelingt Persönlichkeitsförderung durch personale Beziehungsgestaltung im Kontext Schule? Welche Voraussetzungen braucht es dafür?

F2 Matthias Mittelberger „Einem kleinen Funken folgt eine große Flamme“ Über die Bedingungen und Möglichkeiten der Förderung von Beziehungsfähigkeit in der Schule

Samstag, 30.04.2022, 15.30–16.00 Uhr, KR3/Live-Stream

In der Auseinandersetzung mit dem sozialen Umfeld und gesellschaftlichen Gruppierungen bauen Kinder und Jugendliche zunehmend ein eigenes Wertesystem auf. Die Fähigkeit, mit der Welt und sich selbst in Beziehung zu treten, ist für diesen Prozess eine wesentliche Voraussetzung. Das Lebenskompetenzprogramm „Gemeinsam stark werden“ bietet Lehrpersonen die Möglichkeit, das Einfühlungsvermögen und die Beziehungsfähigkeit von Kindern im Volksschulalter gezielt zu fördern. Im Zuge der Programmvorstellung wird die Didaktik komplexer Persönlichkeitsbildung beispielhaft am Thema „Emotionale Bildung und Soziales Lernen“ erläutert: Wie lassen sich Einfühlungsvermögen und Beziehungsfähigkeit im Schulalltag gezielt fördern? Welche Bedingungen bei Lehrperson und Schulordnung sind dabei wesentlich? Inwiefern ist das existenzielle Moment in der Beziehung pädagogisch verfügbar?

F3 Eva Maria Waibel Die Kraft der Begegnung in Erziehung und Unterricht Wie existenzielles Lernen gelingen kann

Samstag, 30.04.2022, 16.00–16.30 Uhr, KR3/Live-Stream

Kinder und Jugendliche scheinen immer schwerer motivierbar zu sein. Viele Faktoren unseres modernen Lebens mögen dabei eine Rolle spielen, wie Verwöhnung und Vernachlässigung, ein überbordendes Angebot, digitale Medien, … In diesem Vortrag wird aufgezeigt, wie Lernfreude und Selbstwert der Kinder in der Schule erhalten und weiter ausgebaut werden können. Lernen ist eher ein emotionaler, denn ein kognitiver Akt und basiert auf der Beziehung und Begegnung zwischen Kind und Erwachsenem, aber auch auf der Beziehung und Wertbegegnung zwischen dem Kind und dem Unterrichtsgegenstand. Ein auf diesen Bausteinen aufgebautes Vorgehen stärkt nicht nur die Motivation des Kindes, sondern auch seine Freiheit und Verantwortung. Zudem fördert es seine personale Stellungnahme und sein entschiedenes Tun.

Workshops

F10 Doris Hausheer, Andreas Hausheer Wenn der Funke springt und Kinder Feuer fangen Existenzielle Begegnung schafft Beteiligung

Samstag, 30.04.2022, 13.00–14.30 Uhr, KR1

Nach jeder existenziellen Begegnung gehen sowohl Erwachsene als auch Kinder zuversichtlicher, stärker, mutiger – gar beflügelt – weiter. Ein wesentlicher Aspekt der existenziellen Begegnung in der Erziehung ist das beharrliche Interesse an der Person des Kindes, an seiner Potenzialität und an seiner Entwicklung: Wer bist du? Was ist dir wichtig? Wann zeigst du dich lebendig? Wann vibrierst du? Wann und wo erlebst du Sinn? Wofür willst du dich anstrengen? Wann gelingt es dir, über dich hinauszuwachsen? Erfährt das Kind sich derart beachtet und in seinem Sosein geschätzt, wächst sein Mut, sich auf andere und anderes einzulassen, der Welt zu begegnen, in Beziehung zu treten, sich zu beteiligen, zu lernen, zu leben. Wie sehen existenzielle Begegnungen im Erziehungsalltag aus? Wie können sie ermöglicht werden? Wie wirken sie sich auf das Miteinander aus? Geschichten aus dem Unterrichts- und Erziehungsalltag erzählen von gelungenen Begegnungen auf Augenhöhe, vom Blick hinter das Zur-Schau-Gestellte, von Lebensfreude und sinnvollem Tun. Wir laden zum Zuhören und Mit-Erzählen ein.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 18 Personen

F11 Joachim Bauer Auf dem Weg zu – oder Abschied von – beziehungsorientierter Pädagogik?

Samstag, 30.04.2022, 15.00–16.30 Uhr, L2

In den letzten Jahren durchgeführte Untersuchungen der Arbeitsgruppe von Joachim Bauer zeigen, dass ein Nicht-Gelingen der Beziehungsgestaltung zwischen Kindheitspädagog*innen und Lehrkräften auf der einen Seite und Kindern und Jugendlichen auf der anderen Seite der am stärksten auf die Gesundheit von Pädagog*innen durchschlagende Einzelfaktor sind. Parallel dazu zeigen die Ergebnisse der Hattie-Studie, dass die Lehrerpersönlichkeit einen entscheidenden Einflussfaktor für die Qualität einer Schule darstellt. Wer die Beziehungskompetenz von Erzieher*innen und Lehrkräften stärkt, schlägt daher „zwei Fliegen mit einer Klappe“: Bewahrung der Gesundheit unserer Pädagog*innen und Qualitätsverbesserung unserer Bildungseinrichtungen (siehe dazu Joachim Bauers Werke „Lob der Schule“, „Schmerzgrenze“ und „Selbststeuerung“). Doch auch gute Pädagog*innen können nicht zaubern, vor allem was die negativen Auswirkungen der digitalen Medien auf unsere Kinder betrifft.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: unbegrenzt

F12 Esther Kohl Was funkt? … wenn wir offen sind … und was zulassen können?

Samstag, 30.04.2022, 17.00–18.30 Uhr, KR5+6

Begegnung zu ermöglichen erfordert den Mut, sich auf sich einzulassen, um sich daraus dem anderen zuwenden zu können. Die eigene Präsenz erspüren und verfeinern. Möglichst ohne Worte. Blicken, stehen, bewegen, positionieren, verweilen – was spürt man, wenn nicht gesprochen wird? Kinder und Jugendliche können üben, ihrem Empfinden zu trauen und dadurch Begegnung mit anderen bewusst zu initiieren oder zu steuern Mit Elementen aus dem Fach „Darstellendes Spiel“ wird Begegnung mit sich und mit anderen körperlich erlebbar: das Empfinden z. B. von Zusammengehörigkeit und Ausgrenzung, von Führen und Geführtwerden. Nach jeder Sequenz wird reflektiert: Wann war ein – oft unerwarteter – Moment der Begegnung? Wodurch entstand er? Worauf verweist er? Was zeigt mir mein Erleben über mich? Bequeme Kleidung und Stoppersocken sind empfehlenswert.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 24 Personen

G) WIRTSCHAFT & ORGANISATIONSENTWICKLUNG

Organisation: Jürgen A. Baumann

Vorträge

G1 Georg Martensen, René Märtin Führung verstehen Existenzielle Zugänge zu einem sozialen Phänomen

Samstag, 30.04.2022, 13.00–13.45 Uhr, KR7+8

Gewissheiten und Strukturen im Umfeld von Organisationen lösen sich rasant auf, organisationale Binnenwelten erscheinen komplexer und segmentierter, flüchtiger, ungewisser, vielschichtiger, mehrdeutiger. Führenden wie Geführten mangelt es zusehends an Orientierung in der Rolle: Sie werden je auf sich, auf ihr Verhältnis zueinander, auf fundamentale Daseinsfragen zurückgeworfen, auf Haltlosigkeit und Angst, Endlichkeit und Sinnlosigkeit, Verbundenheit und Einsamkeit, Authentizität und Zweifel, Freiheit und Verantwortung. Groß ist die Sehnsucht nach einem existenziellen Anker. Und zunehmend fragwürdig erscheinen etablierte wie auch moderne Führungskonzepte. Diesen Befund nehmen wir als Ausgangspunkt, das Wesentliche von Führung ins Licht zu ziehen und Konsequenzen für die Führungs- und Beratungspraxis auszuleuchten. Die Essenz kommt in den Blick, sobald Führung die Maske des Gefühlsmanagements
fallen lässt, im begegnenden Dialog Gesicht zeigt und auf Fragen des Menschseins
in Organisationen antwortet.

G2 Franziska Hildebrand Alberti Investition in Beziehungsarbeit lohnt sich Der existenzielle Ansatz in der Begleitung von Organisationen

Samstag, 30.04.2022, 13.45–14.30 Uhr, KR7+8

Eine Veränderung auf Führungs- und auf der organisationalen Ebene, Unplanbarkeit, neue Arbeitsformen und ständiger Zeitdruck können nicht nur fragile, sondern auch bewährte Strukturen auf die Probe stellen. Wie kann die Beziehungsqualität Menschen in Phasen großen Umbruchs stärken und Orientierung geben? Welche Aspekte sind relevant und wie können das Individuum (Mitarbeitende und Führungskraft), das Team und die Gesamtorganisation, die sich gewollt oder nicht gewollt neu finden sollen, begleitet werden? Entwickelt sich die Organisation anders, wenn sich ihre wichtigste Ressource, nämlich die Mitarbeitenden, an gemeinsamen Werten orientiert? Anhand praktischer Beispiele und unter Berücksichtigung eines existenziellen Ansatzes werden Situationen und Lösungsansätze thematisiert, die die Begegnungsfähigkeit als eine der treibenden Motoren für Veränderung und Entwicklung sehen.

G3 Christian Kuhlmann, Alexander Milz Funke und Feuer in Change- und Transformationsprozessen

Samstag, 30.04.2022, 15.00–15.45 Uhr, KR7+8

Transformationen in Organisationen verlaufen nicht linear, denn sie lassen sich nicht als schrittweisen Verlauf begreifen. Auf A folgt eben nicht B und auf B nicht C. Transformationen verlaufen eher im Sinne Kierkegaards als Sprung oder als Folge eines existenziellen Moments. Aber: Sprünge und Momente sind Ereignisse, die wieder verschwinden. In Transformations- und Changeprozessen stellt sich darum auch die Frage, wie Nachhaltigkeit und Festigkeit im Nachhinein entstehen können? Der Vortrag geht der These nach, dass Transformationsprozesse beides brauchen: Funken und Feuer sowie Beziehung und Werterleben. Wie aber kann dies praktisch gelingen? Kann dies überhaupt in Architektur und Design planbar gemacht werden? Was braucht es in der Beratung, um hier unterstützen zu können?

G4 Rainer Kinast Eine „Begegnungskultur“ für Mitarbeitende – eine realistische Basis für Leistung

Samstag, 30.04.2022, 15.45–16.30 Uhr, KR7+8

Werte kann man nicht verordnen, schon gar nicht die dahinterstehenden Haltungen. Aber: Durch konkretes Erleben und Reflektieren des Erlebten können Wertehaltungen wachsen. Der Referent wird kurz skizzieren, was unter „Begegnungskultur“ im betrieblichen Kontext verstanden werden kann und beispielhaft darstellen, wie soziale Kälte in Unternehmen leicht „passiert“. Im Hauptteil des Vortrags wird ein konkretes Projekt zur Stärkung von Wertehaltungen beschrieben. Bei diesem wurden Zeit und existenzanalytisches Know-how investiert, um die Führungskräfte in einem längeren Prozess in ihrem werteorientierten Führungsverhalten zu stärken und ihnen kreatives Handwerkszeug zu vermitteln, um ihre Mitarbeitenden zu einer Begegnungskultur hinzuführen. Ziel war es, dass die Mitarbeitenden durch reflektierte Erfahrungen ihre Wertehaltungen bewusst formen.

G5 Jürgen A. Baumann (Spirituelle) Grundhaltungen einer Führungs-Person zur Entwicklung einer „Begegnungskultur“

Samstag, 30.04.2022, 17.00–17.45 Uhr, KR7+8

Dieser Beitrag setzt sich insbesondere mit der Frage auseinander, welche Voraussetzungen (im Sinne ethisch-spiritueller Grundhaltungen) eine Führungsperson braucht, um eine „Begegnungskultur“ authentisch in einer Organisation aufzubauen und zu leben. Im Hintergrund wirken folgende Fragen nach: Darf der Mensch auch bei der Arbeit Mensch sein? Was ergibt sich daraus? Was entsteht, wenn ein Mensch existenziell lebt? Das Rationale ist im System evident, aber was ist immanent und geht darüber hinaus? Neben einem bestimmten Menschenbild braucht es konsequenterweise eine von spezifischen Grundhaltungen getragene Spiritualität, um eine derartige Beziehungskultur auch als Führungskultur leben zu können. Diese wird im Hauptteil skizziert. Außerdem stellt sich die Frage, welche ethisch-spirituellen Ansätze ganz konkret in der Führungs-Praxis hilfreich sein können.

H) GESELLSCHAFT

Organisation: Karin Steinert

Vorträge

H1 Irina Davydenko, Dimitri Laius Dialog während des Krieges Erleben und Reaktionsdynamik auf beiden Seiten der Grenze

Samstag, 30.04.2022, 13.00–13.45 Uhr, KR9

Als Existenzanalytiker*innen gehen wir davon aus, dass personaler Dialog möglich ist. Doch das Erleben der heutigen Realität in Osteuropa wird durch den Hybridkrieg in der Ostukraine beeinflusst, der hauptsächlich ein Informationskrieg zwischen der Ukraine und Russland ist. Wir als Berufskolleg*innen auf  beiden Seiten der ukrainisch-russischen Grenze wollten schon länger miteinander reden, aber es gab so viele Ängste, Abwehrreaktionen, Ohnmacht und Schmerz. Wie können wir unsere Sprachlosigkeit überwinden? Wir haben eine Studie über den Einfluss der aktuellen Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland auf das Erleben und die Reaktionsdynamik unter Kolleg*innen in unseren Ländern mit Hilfe einer Phänomenologischen Analyse durchgeführt. Die Ergebnisse werden dargestellt. Wir wollen in unserem Vortrag berichten, wie wir die Voraussetzungen für eine Offenheit in den vier Grundmotivationen schaffen und den Weg zu einem gemeinsamen Ort, zur existenziellen Begegnung, ebnen konnten.

H2 Lydia Müller Existenzanalyse und Feminismus im Dialog

Samstag, 30.04.2022, 13.45–14.30 Uhr, KR9

Die Vision eines selbstbestimmten Lebens wird von Psychotherapie und Feminismus geteilt. Beide beschäftigt die Frage: Wie kann man Menschen dabei unterstützen, den eigenen Weg zu finden und sie auf ihrem personalen Weg in Richtung Selbstbefreiung und gutes Leben begleiten? Feministische Anliegen, wie Hilfe zur Selbsthilfe und Selbstermächtigung bilden die Grundlage der beratenden und aufklärenden Arbeit in Institutionen und Gremien. Sie sind auch in der therapeutischen Arbeit mit Frauen wichtig; dennoch gibt es in der Praxis die Prämisse, weltanschauliche und persönliche Ansichten der Therapeut*innen in der personalen Begegnung mit Klient*innen zurückzustellen. In diesem Vortrag sollen feministische und existenzanalytische Gedanken einander gegenübergestellt werden, um Ähnlichkeiten und Differenzen aufzuzeigen.

Workshops

H10 Patricia Rappold Entwurzelt und getrennt von allem Verlusterleben bei Menschen mit Fluchterfahrung

Samstag, 30.04.2022, 15.00–16.30 Uhr, KR1

Kriege und Katastrophen zwingen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen und sich zu „entwurzeln“. Gefährliche Fluchtrouten und Monate in einer Warteposition erschweren ein Ankommen, ein Da-sein-Können und ein erneutes Verwurzeln erheblich. Durch ein neues Gesellschaftssystem und andere Werte gehen existenzielle Beziehungsmomente rasch verloren. Basale Veränderungen und Belastungen auf körperlicher Ebene (fremde Gerüche, neue Geräusche, das Wetter…) können eine Art „Schockstarre“ auslösen, welche zudem die noetische und psychische Ebene destabilisieren und einen Einfluss auf Beziehungsmomente mit sich bringen. Im Workshop wird der theoretische Hintergrund für Menschen mit Fluchterfahrung ausgeführt und im Plenum gemeinsam ein Bewusstsein dafür geschaffen.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 20 Personen

H11 Daniela Halpern, Birgit Troger R. E. R. – Regie Erleben im Raum Gestaltung existenzieller Begegnung in Film und Therapie

Samstag, 30.04.2022, 17.00–18.30 Uhr, L2

Angelehnt an die Existenzanalyse und Logotherapie haben wir interdisziplinär ein phänomenologisch-dialogisches Modell – Regie Erleben im Raum (R. E. R.) – für Mikro- und Makro-Prozesse in Film und Therapie entwickelt. Spielfilme können Metaphern für gelungenen Vollzug der personalen Existenz sein. Mit den von uns entwickelten R. E. R.-Tools schaffen wir Räume für äußere Begegnung, inneres Erleben sowie Dialoge, in denen sich existenzielle Kommunikationsprozesse (im Sinne der PEA) entfalten können. Das ermöglicht der Person, in Freiheit und Verantwortung, Regie im eigenen Leben zu führen. Wir geben Einblick in das Modell u. a. anhand konkreter Filmbeispiele.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 40 Personen

I) SEELSORGE

Organisation: Geertje Bolle

Vorträge

I1 Geertje Bolle Heilige Funken

Samstag, 30.04.2022, 17.00–17.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Sich gerufen zu wissen steht im Zentrum biblischer Spiritualität – Angesprochen werden in der Begegnung steht im Zentrum existenzieller Seelsorge. Wie beschreibt die Bibel dieses Zwischen der Begegnung, diese heiligen Momente, in denen die Dimension des Logos betreten wird? Das biblische Verständnis des Heiligen hat viel zu tun mit existenzieller Begegnung, mit Menschlichkeit und Gesellschaft. Wie können die besonderen Momente, die Funken in der Praxis existenzieller Seelsorge beschrieben werden, ohne das Unverfügbare zu nehmen oder zu funktionalisieren? Wie lässt sich Begegnungsgeschehen beschreiben, verstehen und für die Praxis existenzieller Seelsorge fruchtbar machen, ohne die Funken zu ersticken? Der Vortrag geht diesen Fragen nach und beschreibt Kernfelder existenzieller Seelsorge.

I2 Rupert Dinhobl Funkenflug bei Lukas ... und was wir (existenzanalytisch) daraus lernen können

Samstag, 30.04.2022, 17.30–18.00 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

Das Evangelium nach Lukas – und sein zweites Werk, die Apostelgeschichte – sind voll von Begegnungen, die Funken sprühen. Das beginnt mit der Vorgeschichte, der Begegnung Marias mit dem Engel bis hin zur Begegnung der Jünger mit Jesus in Emmaus. Und die Pfingstsequenz ist ein einziger Funkenflug von Begegnungen. In diesem Beitrag greife ich die sogenannte Verkündigungsszene heraus – die Auseinandersetzung Marias mit dem Engel – und im Anschluss ihre Begegnung mit Elisabeth, ihrer Verwandten. Wenn man diese Texte durchleuchtet, kommt man auf viele entscheidende existenzanalytische Basics, wie Selbstdistanzierung, innerer Dialog etc., die die Texte besser verstehen lassen. Andererseits werfen sie ein illustratives Licht auf so manchen existenzanalytischen Grundsatz: dieser wird durch den Text sozusagen Fleisch.

I3 Steffen Glathe Es ist auch ein Leben gewesen

Samstag, 30.04.2022, 18.00–18.30 Uhr, Plenarsaal/Live-Stream

In dem Vortrag wird der Versuch unternommen, eine klinische Falldarstellung mit der Nachzeichnung des psychotherapeutischen Gesprächs- und Beziehungsprozesses in sprachlich besonderer Weise zu vermitteln. Wie Impulse eines Echolotes sollen die Worte noch einmal hinabsinken und den unbestimmten, präreflexiven Resonanzraum auszuloten versuchen, in dem sich Patientin und Therapeut jenseits des Sagbaren über Wesentliches zu verständigen begannen. Auf diese Weise wird die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte einer spirituellen Intervention nachgezeichnet und bedacht.

Workshops

I10 Bernward Teuwsen Samuel – Begegnung mit dem ganz Anderen als Herausforderung an mein Selbst

Samstag, 30.04.2022, 15.00–16.30 Uhr, KR5+6

Die Begegnung mit dem „Gegenüber“ wird immer auch eine Rückfrage an sich selbst. Die Annahme der eigenen Person ist Grundlage für die Akzeptanz von Unbekanntem. Phänomenologische Gesprächshaltung dient der Offenheit anderen Menschen, Dingen und Aufgaben gegenüber und hilft zu einem Vor-Urteil befreiten Umgang. Bereits angekommen zu sein, seinen Platz gefunden zu haben – so erscheint die Ausgangssituation des Samuel in der Hebräischen Bibel. Mit einem Berater an seiner Seite weiß er sich zu verhalten. Eine unausweichliche Lebensfrage aber beunruhigt ihn: Bei ihm funkt es. Es gilt, aus gutem Verhalten in Beziehung zu treten. Wodurch und womit Lehrer*innen in Beziehung zu ihren Schüler*innen ihren Selbststand fordern und fördern (können), daran habe ich in Lehrer*innen-Coachings gearbeitet. Im Austausch eigener Erfahrungen und der Vermittlung von Coaching-Prozessen können Aspekte von Beziehung (Werte), Dasein (Existenz) und Verantwortung (Gewissen) zur Sprache kommen.

Maximale Teilnehmer*innenzahl: 15 Personen

J) FORSCHUNG

Organisation: Astrid Görtz

Vorträge

J1 Silvia Längle, Astrid Görtz, Clemens Fartacek Aktuelle Ergebnisse aus der Praxis-Forschung

Samstag, 30.04.2022, 17.00–18.30 Uhr, KR3/Live-Stream

Die Beforschung der psychotherapeutischen Praxis wurde in der Existenzanalyse in den letzten Jahren intensiviert. In mehreren Vorträgen werden aktuelle Ergebnisse aus den laufenden Projekten („Carina-Studie“, „Praktiker-Studie“, Klinische Einzelfall-Studien etc.) präsentiert. Dabei werden sowohl quantitative als auch qualitative Forschungszugänge berücksichtigt. Wir glauben, dass – so wie es für uns war – das Interesse für die Forschung vertieft wird und quasi „ein Funke überspringt“.

K) EINFÜHRUNG IN DIE EXISTENZANALYSE UND LOGOTHERAPIE

Vortrag

K1 Claudia Reitinger Was ist Existenzanalyse und Logotherapie?

Samstag, 30.04.2022, 13.00–14.30 Uhr, KR5+6

Der Vortrag führt in die Grundlagen der Existenzanalyse ein. Im Zentrum stehen dabei die Phänomenologie als Haltung und Methode der Gesprächsführung und das Strukturmodell. Nach einer theoretischen Erklärung wird das Zusammenspiel von Phänomenologie und dem Strukturmodell anhand eines Fallbeispiels veranschaulicht.